Mittwoch, 27. Februar 2019

Dov Alfon: Unit 8200



Bei Rowohlt/ Polaris ist ein Agententhriller erschienen, der es in sich hat. Die Handlung dieses Thrillers, der das Debüt eines israelischen Journalisten ist, spielt in Paris und in Israel in der heutigen Zeit. Unit 8200 ist die geheimste und technisch am besten ausgestattetste Organisation der Welt. Nur die amerikanische NSA ist ihr personell überlegen. Alfon war eine Zeitlang Teil dieser Einheit.

Abadi hatte die Einheit wegen Unstimmigkeiten mit seinem Vorgesetzten verlassen. Doch nun wurde er zu Ihrem Kommandeur berufen und er ist auf dem Weg von den USA zurück, mit Zwischenstopp bei seiner Mutter in Paris. Keine 24 Stunden ist es her, da wurde die junge Leutnant Oriana Talmor bis zur Ankunft von Abadi als Leiterin der Einheit eingesetzt. Davon war nicht nur sie selbst, sondern auch andere Militärs und Chefs diverser israelischer Geheimdienste überraschte. Doch dann wird ein israelischer Bürger auf dem Flughafen in Paris entführt. Abadi beginnt ohne Auftrag zu ermitteln. Und dann wird es extrem kompliziert und vor allem spannend.

Es ist echt kompliziert, der Vielschichtigkeit der Handlungsstränge zu folgen. Denn es gibt einerseits Intrigen im Management der Geheimdienste und des Militärs bis hin zum israelischen Premierminister. Andererseits wird die französische Polizeiarbeit bei der Ermittlung der Täter (Denn es gibt letztendlich eine Anzahl Opfer im zweistelligen Bereich.) gezeigt. Drittens erfolgt eine Jagd nach trotteligen Killern der chinesischen Mafia. In den kurzen Kapiteln von einer bis fünf Seiten erfolgt ein schneller Schnitt für den Leser. Aber keine Angst: Alfon bringt immer wieder Zusammenfassungen hinein, an denen der Leser das bisher Geschehene an den einzelnen Schauplätzen Revue passieren lassen kann.

Über lange Strecken des Thrillers treibt den Leser die Frage: Wer ist eigentlich der Vogel, wer ist die Katze? Sind die Jäger vielleicht die Gejagten? Den Überblick zu bekommen, fällt schwer, aber auf eine extrem spannende, nicht verwirrende Art. Man hat dank der Zusammenfassung stets das Gefühl, allem folgen zu können und zu verstehen. Trotzdem weiß man nicht, wer auf welcher Seite steht. Wer gehört zu den "Guten" und wer zu den "Bösen"?

Ich gebe für diesen Thriller, der mehrere Monate auf den Bestsellerlisten Israels stand, eine ganz klare Leseempfehlung. Immerhin warte ich auf den Folgeroman, denn dieser wurde in einem Hintergrundstrang mit einem Cliffhanger versehen, der mich neugierig macht. Ich wünsche allen Lesern dieses Romans einen vergnüglichen Genuss.


Dov Alfon
Unit 8200
Rowohlt/Polaris, Hamburg

ISBN 9783499275708

© Detlef Knut, Düsseldorf 2019
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Bücher, die gefallen


Dienstag, 26. Februar 2019

Tana French - Der dunkle Garten


Verzerrte Familienidylle

Toby Hennessy, 28, wird in seiner Dubliner Wohnung von zwei Einbrechern brutal zusammengeschlagen. Als er nach einem längeren Krankenhausaufenthalt körperlich wieder einigermaßen hergestellt ist, erreicht ihn der Anruf seiner Cousine Susanna, dass er sich doch bitte um den gemeinsamen Onkel Hugo kümmern möchte. Da Toby psychisch noch einiges aufzuarbeiten hat, ziehen er und seine Freundin Melissa für eine Weile bei Onkel Hugo, der an einem Gehirntumor leidet, ein. Bei einem gemeinsamen Familienessen stößt der kleine Sohn von Susanna auf menschliche Schädelknochen. Und nun müssen sich alle Mitglieder der Familie Hennessy ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen.

Dies war mein erstes Buch, das ich von Tana French gelesen habe. Und ich habe mich anfangs etwas schwer getan mit den verschachtelten Sätzen, mit endlosen Längen, die mich in der Geschichte nicht weitergebracht haben. Aber nach einer Weile war ich doch mitten drin im Geschehen.

Sehr gut finde ich, dass ich die einzelnen Familienmitglieder bzw. alle Protagonisten sehr deutlich und ausgefeilt auch mit ihren Gedanken beschrieben bekomme. Ich hatte schnell von jedem Einzelnen ein klares Bild vor Augen. Durch die zahlreichen Dialoge komme ich den einzelnen Familienmitgliedern noch näher. Ich leide mit Toby, der sich seiner absolut nicht sicher ist; bewundere Hugo und Susanne, dass sie das Augenscheinliche so gut verdrängen; und ich frage mich immer wieder, was die Nervosität bei Leon auslöst. Bis zu einem Punkt, wo sich das alles dreht und es für mich keinen Sympathieträger, außer vielleicht Onkel Hugo, mehr gibt.

Genau so toll beschrieben finde ich den Garten des Efeuhauses, bei dem es mir in der Seele weh getan hat, als er total umgegraben und sogar ein alter Baum gefällt werden musste.

Genau so klar werden mir die verschiedenen Stimmungen im Haus durch die Autorin nahe gebracht.

Ich habe mich direkt in das Geheimnis, das der Baum zutage gebracht hat, reinziehen lassen. Hatte immer neue Ideen, was damals passiert sein könnte. Aber der Auflösung bin ich nicht sehr nahe gekommen.

Auch wenn der Roman anfangs einige Längen hat und mich erst ab ca. der Mitte fesseln konnte, hat sich das Lesen gelohnt. Ein interessanter Sprachstil, eine aussergewöhnliche Familiengeschichte und ein junger Mann, der mich durch seine Art beim Lesen gehalten hat.

Dieser Roman ist mir 4 von 5 Sternen wert.

Tana French
Der dunkle Garten
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

S. Fischer Verlag, München
ISBN 9783651025622

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© Gaby Hochrainer, München 2019

Sonntag, 24. Februar 2019

Ellen Dunne - Schwarze Seele


Davon hätte ich gerne mehr.

Ein Spaziergänger bzw. dessen Hund stößt im Schwabinger Bach auf eine männliche Leiche. Patsy Logan, deutsch-irische Kriminalhauptkommissarin bei der Müncher Mordkommission, findet schnell heraus, dass es sich hier um Donal McFadden handelt, einen Iren, der seine in München lebende Ehefrau Fiona in den heimatlichen Schoß nach Dublin zurückholen will. Patsys Chef entscheidet schnell, dass es sich hier um einen Unfall mit Todesfolge handelt. Doch Patsy ahnt, dass es hier um mehr geht. Eine Beziehungstat? Hat McFaddens Schwester Siobhan ihre Finger im Spiel?

Für mich ist es der erste Krimi, den ich von Ellen Dunne lese. Also lerne ich hier Patsy Logan erst kennen. Obwohl der Fall an sich abgeschlossen ist, hätte ich doch den ersten Teil der Trilogie lesen sollen um Patsy und ihre Kollegen noch näher kennenzulernen. Aber gut. Patsy ist privat stark belastet; will sie doch unbedingt ein Kind. Aber auch die letzte Hormonbehandlung ist fehlgeschlagen und langsam belastet dieser Zustand ihre Ehe doch sehr stark. Ansich ist Patsy eine taffe, starke Frau, eine Perfektionistin, bei der aber auch nicht ales glatt läuft und die hier an ihre Grenzen kommt. Und dann kommt auch noch ihr jüngerer Bruder vorbei, mit dem das Leben nicht einfacher wird.

Ich finde, der Krimi lebt auch von seinen so verschiedenen und unterschiedlichen Protagonisten. Jeder hat seine Eigenheiten, seine ganz individuelle Identität, ist gut vorstellbar beschrieben. Mein Täter stand schon bald fest. Doch nach einigen Wendungen kam wieder ein anderer ins Spiel. Auch wenn dann die Auflösung nocht ganz so spektakulär ist, kann ich sie gut nachvollziehen.

Mir gefällt vor allem der sprachliche Stil, den die autorin benutzt. Knackig und ohne Schnörkel, immer auf den Punkt – da macht das Lesen richtig Spaß. Und sie schafft es, mich beim Lesen zu halten.

Der Fall selbst ist eigentlich nichts besonderes. Ein Ire, stark alkoholisiert, der im Schwabinger Bach ertrinkt. Da es aber einige Menschen in Donals Umgebeung gibt, die ein starkes Motiv haben, wird es langsam aber stetig immer spannender.

Ein spannender Fall für Patsy Logan, die ich gerne noch näher kennenlernen würde.

4,5 von 5 Sternen

Ellen Dunne
Schwarze Seele
Insel Verlag, Berlin

ISBN 9783458363835

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Freitag, 22. Februar 2019

Miriam Rademacher: Der Tanz des Mörders


Die aus Osnabrück stammende Autorin Miriam Rademacher hat sich mit einer Konstellation um den ehemaligen Tanzlehrer Colin Duffot in die Herzen der Leser geschrieben. Die Reihe mit den Cozy-Crime-Geschichten spielt in England und folgt den Regeln derer von Miss Marple und Pater Brown. Colin Duffot möchte seinen Vorruhestand genießen und ist gerade in das kleine, beschauliche Dorf gezogen. Beim Dartspielen im Pub mit Pater Jaspers erfährt er, dass noch nie jemand gegen den gewonnen hat. So auch Colin, weshalb er dazu verdonnert wird, eine ältere Dame mit seiner Gesellschaft zu betreuen. Doch dann trifft er die Dame Tod an. Am selben Tag wird in der Nähe ein junges Mädchen tot aufgefunden. Die Krankenschwester der alten Dame, mit Namen Norma, überredet ihn und den Pfarrer, in beiden Fällen zu ermitteln. Und schon ist ein Detektivteam aus dem Boden gestampft, obwohl nicht alle so euphorisch dabei sind wie Norma. Denn sowohl Colin als auch Jasper zweifeln an ihren eigenen Ermittlerfähigkeiten.

Entlang von Tanz und Tanzunterricht hat die Autorin einen Rätselkrimi entwickelt, bei dem es an Humor und Spannung nicht mangelt. Skurrile Figuren mit ungewöhnlichen Eigenschaften gibt es für die Leser zu entdecken. Nicht nur Norma wirkt schräg und umso liebenswürdiger. Nahezu jeder der Dorfbewohner scheint außergewöhnlich zu sein. Sie könnten glattweg aus Midsummer stammen.

Einen Glückwunsch an den Verlag und Umschlaggestalter für den Mut zu solch ungewöhnlichen Covern, die aber umso besser zu dem Inhalt dieses und die weiteren Krimis dieser Reihe passen.

Einen kleinen Kritikpunkt möchte ich jedoch nicht verschweigen. An einer Stelle wird ein Vergleich zu dem deutschen Prominenten Sky du Mont gezogen. Ich bin zwar kein Fachmann habe aber das Gefühl, dass diese Person einem englischen Dorfbewohner nicht unbedingt bekannt sein muss. Zumindest so, wie die Figuren darüber sprechen. Dennoch tut dieser Lapsus dem Spaß und Vergnügen beim Lesen des Krimis keinen Abbruch und ich kann ihn bestens empfehlen.

Miriam Rademacher
Der Tanz des Mörders
Carpathia Verlag, Berlin

ISBN 9783943709056

© Detlef Knut, Düsseldorf 2019
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Mittwoch, 20. Februar 2019

T.C. Boyle: Das Licht


»War es ein Gift? War es verboten? Ein unverantwortliches Risiko? Sie wusste es nicht, doch sie war den ganzen Tag nervös und angespannt, obwohl sie sich sagte, das sei töricht: Wenn irgendjemand in diesem ganzen Gebäude wusste, was er tat, dann ihr Chef.« Der Chef ist der Pharmakologe Alfred Hofmann von Sandoz, der im Jahre 1943 gerade LSD entwickelt und es an sich selbst ausprobieren will.

Mit einem Prolog, in welchem die Entstehung der künstlichen Droge LSD geschildert wird, beginnt der neue Roman des amerikanischen Schriftstellers T.C. Boyle, der just in den vergangenen Tagen seine Lesereise in Deutschland hinter sich hat. In diesem Roman geht es um Drogen, ein Thema, welches Boyle nicht gerade zum ersten Mal aufgreift. In den 1960er Jahren machte er selbst seine Erfahrungen damit und konnte sich erst mit der Schriftstellerei aus diesem Sumpf befreien. Die Haupthandlung des Romans spielt allerdings nicht wie der Prolog 1943, sondern zwanzig Jahre später in der amerikanischen Gesellschaft. An der Harvard Universität beginnt Professor Timothy Leary ein Forschungsprojekt mit der synthetischen Droge. Er möchte in einem groß angelegten Experiment zusammen mit anderen Dozenten und seinen Studenten positive Bewusstseinserweiterung nachweisen. Der Roman zeigt den Werdegang des Forschungsprojektes anhand dreier Protagonisten: Fitz, seiner Frau Joanie und seines Sohnes Corey. Diese drei sind die Hauptfiguren, die die Handlung vorantreiben und aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Anhand ihres Schicksals und ihrer Entwicklung begleitet der Leser Learys Projekt. Fitz möchte sich ganz und gar der Forschung zuwenden, sein erstrebenswerteste Ziel ist, zum inneren Kreis und Professor Leary, Tim, zu gehören.

All dies wird natürlich extrem spannend von Boyle komponiert. Er zeigt den schleichenden, nach außen scheinbar harmlosen Prozess, wie jemand, der eigentlich nur seinen Abschluss, seinen Doktor, seine Karriere machen will, langsam, aber stetig in eine Sekte hineingezogen wird. Dabei handelt es sich möglicherweise um gar keine Sekte, sondern lediglich um eine Clique dekadenter Pseudowissenschaftler, die der Meinung sind, sich mit ihren Gelüsten hinter der Wissenschaft verstecken zu können. Die Handlung verläuft über einige Jahre, Zeit genug, um die Hauptfiguren eine Entwicklung durchmachen zu lassen. Sowohl Fitz als auch seine Frau sind am Ende andere, vertreten andere Ansichten als zu Beginn des Buches. Man muss sich als Leser im Hintergrund rumorende Spannung einlassen. Eine rigorosere Entwicklung ist bei ihrem Sohn Corey zu beobachten, der angefangen im Alter von zehn Jahren die Pubertät durchläuft und als junger Erwachsener am Ende dasteht. Über dessen Entwicklung stellt sein Vater plötzlich fest: »Coreys Stimme war tiefer geworden, das Kieksen fast ganz verschwunden, und in letzter Zeit war Fitz, wenn er ihn sprechen hörte, für einen Augenblick verblüfft: Es war, als hätte ein Fremder die Gestalt seines Sohns angenommen.« Gekonnt, aber typisch und erwartbar für Boyle, werden Vergleiche und Metaphern eingesetzt, um auch jede noch so kleine Plausibilität in Bildern zu belegen. Am Ende dieses tiefgreifenden Romans über die menschliche Gesellschaft und wie sie sich in der Umwelt und Natur einrichtet, steht nicht nur für die agierenden Figuren die Frage: »Wohin führt das alles? Ist irgendein Ende in Sicht? Können wir uns überhaupt noch als Wissenschaftler bezeichnen? Was sind wir eigentlich? Mystiker? Partyveranstalter? Orgienfeierer?«

»Das Licht« ist eine empfehlenswerte Fortführung der großen Romane »Drop City« und »Dr. Sex« desselben Autors.

T.C. Boyle
Das Licht

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hanser Verlag, München
ISBN 9783446261648

© Detlef Knut, Düsseldorf 2019
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Dienstag, 19. Februar 2019

Beate Sauer - Der Hunger der Lebenden


Nachkriegszeit in Köln

Köln im Juni 1947. Drückende Hitze liegt über der Stadt. Friederike Matthee von der Weiblichen Polizei wird zur Unterstützung zu einem Fall berufen, bei dem der Tod von Ilse Röder, einer ehemaligen Kollegin aufgeklärt werden soll. Der Fall scheint klar, da Franziska Wagner, eine junge Streunerin, mit einer Pistole in der Hand direkt neben dem Opfer aufgefunden wurde. Nur für Friederike ergeben sich immer wieder kleine Ungereimtheiten und sie ist sicher, dass hier die Falsche im Untersuchungsgefängnis sitzt.

Auch Lieutenant Richard Davis von Royal Military Police, der immer noch in Friederikes Gedanken herum geistert, ist wieder mit von der Partie. Er hat den Mord an 3 englischen Soldaten aufzuklären, die in einem Waldstück verscharrt, jetzt gefunden wurden.

Dies ist schon der zweite Fall für Friederike und Richard. Da ich den ersten Fall nicht gelesen habe, hatte ich etwas Bedenken, ob mir nicht einiges an Informationen fehlen würde. Aber da beide Fälle in sich abgeschlossen sind, hatte ich hier gar keine Probleme, konnte ungehindert mit rätseln und mit ermitteln.

Beide Fälle fesseln den Leser, vor allem auch wegen der beiden Komissare, die um sich herum schleichen, wie die Katze um den heißen Brei. Wobei ich Beiden immer wieder gewünscht habe, dass sie endlich zueinander finden.

Spannung baut sich langsam auf und hält sich dann weit oben, bis beide Fälle endlich aufgeklärt sind. Wobei ich bei dem Fall der Ilse Röder immer wieder getäuscht und auf falsche Fährten gesetzt wurde. Die Aufklärung hatte ich dann so auch nicht erwartet.

Friederike hat sich ganz schnell in mein Herz geschlichen. Ich mag die taffe junge Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, für ihre Ziele kämpft und sich rührend auch um ihre Mutter und ein kleines Mädel kümmert, sehr gerne. Bei Richard hingegen hat es schon eine Weile gedauert, bis auch er meine Sympathien erreicht hat. Insgesamt finde ich alle Personen sehr menschlich und mit ihren Ecken und Kanten gut gezeichnet.

Genau so gut wie die beiden Kriminalfälle haben mir die ausführlichen Schilderungen und Beschreibungen der damaligen Zeit und ihrer Wirren gefallen. Schwarzmarktgeschäfte und Hunger, aber auch der Wille zu überleben, wieder Tanzen zu gehen, Spaß zu haben und wieder am Leben teilhaben zu wollen, wird hier anschaulich und gut nachvollziehbar beschrieben. Bei den Beschreibungen des Polizeilichen Jugendschutzlagers in der Uckermark, wo auch Franziska eine Weile eingewiesen war, haben mich schockiert und erschreckt.

Gut, dass es am Ende der Geschichte ein Personenverzeichnis gibt. Da habe ich immer mal wieder gespickert, wenn ich jemanden nicht konkret zuordnen konnte.

Sehr interessant finde ich hier auch das Nachwort, wo einiges noch mal näher erklärt und beschrieben wird.

Beate Sauer
Der Hunger der Lebenden
Ullstein Verlag, Berlin

ISBN 9783548291215

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Sonntag, 17. Februar 2019

Leonie Haubrich - Dunkelmädchen


Erschreckende Wahrheit

Elena Lorenz ist sich sicher: die Julia, die bei ihr und ihrem Mann Johannes lebt, ist nicht ihre Tochter Julia. Sie muss vertauscht worden sein. Ihr Mann hält alles, was Elena an Indizien vorbringt für Spinnereien. Langsam beginnt sie an sich und ihrem Verstand zu zweifeln. Lässt aber auf der anderen Seite nicht locker und plötzlich kommen schockierende Tatsachen ans Licht.

Ab der ersten Seite bin ich von dem neuen Thriller von Leonie Haubrich begeistert, gefangen und mittendrin.

Ich leide mit Elena, die fest daran glaubt, ein fremdes Kind anstelle ihrer Tochter zu betreuen und aufzuziehen. Einerseits kann ich ihre Zweifel sehr gut nachvollziehen. Da Johannes es aber immer wieder fertig bringt, die Zweifel schlüssig zu zerstreuen, bin ich hin und her gerissen. Mich hat das Verhältnis zwischen Elena und Johannes, das nicht immer einfach ist, sehr beschäftigt. Vor allem hatte ich immer mal wieder den Eindruck, dass Johannes etwas vertuschen will.

Ja, vertuschen. Ich nehme vieles aus der Geschichte auf und habe mal die ein oder andere Theorie, was sich hier wohl abspielt bzw. abgespielt hat. Immer neue Fährten locken mich auf neue Spuren, die sich dann aber immer wieder verlaufen. Daher hat der eigentlich recht unaufgeregte Thriller einen sehr hohen Spannungsbogen. Nur mit der sich dann raus kristallisierten Wahrheit hatte ich absolut nicht gerechnet. Ich bin jetzt noch ganz baff.

Die Personen, die ich hier kennenlerne sind alle sehr gut ausgeformt, gut vorstellbar und das französische Ehepaar hätte ich gerne als meine Freunde. Auch die verschiedenen Umgebungen, sei es die Burg in Frankreich oder die psychiatrische Anstalt, sind sehr gut vorstellbar beschrieben. Der Umstieg von der Urlaubsregion in die Geschlossene ist schon krass, aber auch glaubwürdig rübergebracht.

Ein fantastischer neuer Thriller von Leonie Haubrich, bei dem ich mitgefiebert habe, immer neuen Spuren nachgegangen bin, überrascht wurde und vor Spannung das Buch kaum aus der Hand legen konnte. So muss Thriller sein!


Leonie Haubrich
Dunkelmädchen
BoD, Norderstedt

ISBN 9783748188919

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Freitag, 15. Februar 2019

Katharina Peters: Todesstrand


Dies ist der erste Fall für Emma Klar. Emma war mit Leib und Seele Polizistin. Doch dann lief ein Einsatz bei der Ermittlung gegen Menschenhändler schief und sie bekam eine neue Identität. Sie ermittelt nun als Privatdetektivin in Wismar weiter. Das BKA stellt ihr eine erfahrene Beamtin zur Seite. Dadurch ermittelt sie eigentlich nicht ganz privat, sondern verdeckt mit Unterstützung der Behörden. In ihrem ersten Fall wird sie von dem Vater eines verschwundenen Mädchens beauftragt, seine Tochter zu finden. Dabei stößt sie auf weitere verschwundene Mädchen. Schließlich muss sie feststellen, dass ihr Peiniger, weshalb sie seinerzeit eine neue Identität erhalten hatte, irgendwie in dieser Sache verwickelt ist und ihr auf die Schliche zu kommen droht.

Peters hat einen lockeren, gut lesbaren Krimi geschrieben. Es mag an den Schauplätzen an der Ostsee liegen, aber ich empfand eine gewisse Ähnlichkeit zu den TV Serien "Soko Wismar" und dem Rostocker Polizeiruf-110-Folgen.

Die Konstellation über die verdeckten Detektivbüros ist ungewöhnlich, schafft aber den Spagat, der in einem reinen Polizeikrimi nicht plausibel ist. Als Detektiv kann sich ein Ermittler leichte Verstöße gegen das Gesetz leisten, was für einen Polizisten nicht möglich ist. So hat die Polizistin Emma Klar immer Rückendeckung und bekommt Ermittlungs- und Laborergebnisse anderer Bereiche zugespielt, an die sie als Privatdetektivin sonst nicht gelangen würde.

Die Dialoge und Handlungsweise sind gut nachvollziehbar, die Spannung nimmt fortlaufend zu und der Täter bleibt er lange Zeit unerkannt für den Leser, obwohl er schon in den ersten Kapiteln mitspielt. Vor einer Empfehlung muss ich mich nicht verstecken.

Katharina Peters
Todesstrand
Aufbau Verlag, Berlin

ISBN 9783746632735

© Detlef Knut, Düsseldorf 2019
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Dienstag, 12. Februar 2019

Susanne Rößner - Tiefe Stille


Was aus einem Krimispiel alles werden kann

Maria Wagner ist seit 2 Jahren verwitwet und hat nun beim Jahreshauptwettbewerb des Deutschen Krimiklubs, dem sie sich angeschlossen hat, einen der drei Hauptpreise gewonnen: Eine Krimirallye am wunderschönen Schliersee. Wie schnell man dabei in einem echten Kriminalfall landen kann, war ihr bestimmt nicht bewusst.

Kriminalhauptkommissar Lukas Zieringer hat sich von der Mordkommission in München in eine kleine Dienststelle in Miesbach versetzen lassen. Dass es hier genau so kriminell zugehen kann wie in München, hätte er nicht vermutet, bis er mittendrin steckt.

Mich hat das Cover auf das Buch aufmerksam werden lassen. Ich habe zwar gedacht, dass ich ins Ruhrgebiet entführt werden würde – aber nein, auch am Schliersee wurde früher mal Kohle aus dem Berg geholt. Und das Cover passt absolut zum Inhalt des Buches.

Susanne Rößner hat mit ihrem Krimi „Tiefe Stille“ eine Geschichte erzählt, die am Schliersee gesettet ist. Da ich als Münchnerin dort immer mal wieder meine Wochenenden verbringe, habe ich bei den Beschreibungen der Landschaft, der Orte und der Menschen immer ein klares Bild vor Augen, was mein Kopfkino noch intensiver laufen lässt.

Die Personen sind, bis auf ganz wenige, sehr sympathisch, kommen menschlich rüber und sind gut vorstellbar. Neben den Hauptdarstellern, die meine Sympathien schnell ergattert haben, haben sich Herr Schmiedl und eine alte Dame im Café fest in mein Herz geschlichen. Besonders die alte Dame lockert die kriminelle Handlung auf und ich kann auch mal schmunzeln.

Nicht so gut gefallen haben mir die gedanklichen Abschweifungen vom eigentlichen Fall. Vielleicht auch deswegen, weil Mann mir zutiefst unsympathisch ist. Im Gegensatz dazu fand ich die Geschichten, die Herr Schmiedl über den Stollen und seine Vergangenheit erzählt sehr interessant.

Die Autorin spannt ab der ersten Seite einen Spannungsbogen, der sich, mit einem kleinen Zwischentief, bis zum Schluss recht hoch hält. Ich kann mit rätseln, mit fiebern und bin froh, als sich am Ende alles zur Zufriedenheit auflöst.

Der erste Fall, den der neue Kommissar in seiner neuen Dienststelle zu lösen hat besticht mit interessanten Charakteren, einer Geschichte, bei der ich auch noch einiges gelernt habe, einem spannenden Fall, bei dem ich froh war, dass alles gut gegangen ist und einem Setting am wunderschönen Schliersee.

Ich hoffe, Lukas Zieringer bekommt bald einen neuen Fall zugeteilt.

Susanne Rößner
Tiefe Stille

Amazon Edition M, München
ISBN 9782919803057

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Sonntag, 10. Februar 2019

Max Bronski - Schneekönig


Die Weihnachtsgeschichte mal anders.

Wilhelm Gossec macht sich an einem winterlichen Abend im Dezember vom Christkindlmarkt auf zu seinem Trödelladen im Münchner Schlachthofviertel und kommt im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder, hier eines Lastwagens. Nach einer kurzen Nahtoderfahrung taucht er an einer U-Bahn-Station wieder auf. Im dichten Schneegestöber trifft er auf die hochschwangere Mariella und ihren Freund und nimmt sie, angelehnt an das biblische Krippenspiel, zur Entbindung mit zu sich nachhause. Am nächsten Tag wird bekannt, dass in der benachbarten Maiklinik zwei neugeborene Buben ermordet wurden. Sucht der Mörder nach dem kleinen neugeborenen Joshua?

Durch den ziemlich schrägen Humor, der diesen Gossec prägt, hat es ein paar Seiten gedauert, bis ich mich in der etwas anderen Weihnachtsgeschichte angekommen bin und mich wohlgefühlt habe.

Wilhelm Gossec erzählt seine Geschichte in der Ich-Form. Locker, leicht und mit einem etwas merkwürdigem Verlauf bin ich mir manchmal nicht sicher, ist der Trödelhändler nun noch unter uns oder dirigiert er seine Leute von hoch oben? Trotz allem Wirrwarr hat der Münchner Grantler schnell meine Sympathien erhascht. Kümmert er sich doch rührend um Mariella und ihren neugeborenen Sohn, teilt sich mit der Münchner Obdachlosen e.V. einen Stand mit altbayerischen Weihnachtsantiquitäten am Christkindlmarkt, hilft einer alten Dame bei der Rückabwicklung einer Versicherung und setzt sich dafür ein, dass die Mieter des Hauses, in dem er seinen Antiquitätenladen hat, nach dem vor der Tür stehendem Tod des Besitzers auch dort wohnen bleiben können. Seine manchmal verworrenen, unklaren Gedanken verwirren auch mich etwas und ich kann mir aus der ganzen Geschichte meinen eigenen Reim machen.

Mir als Münchnerin gefällt es besonders, wenn ich mit ihm unterwegs bin. Vom Marienplatz über den Viktualienmarkt zur Blumenstraße, zurück ins Schlachthofviertel – immer habe ich ein klares Bild vor Augen. Auch von den sich meterhoch türmenden Schneemassen.

Ich würde diese Geschichte, obwohl sie den ein oder anderen Toten bereit hält, nicht als Krimi bezeichnen. Für mich war es die Weihnachtsgeschichte von Maria und Josef bis zu den 3 Heiligen aus dem Morgenland. Eine Geschichte, auf die ich mich einfach eingelassen habe. Mir hat´s gefallen.

4 von 5 Sternen

Max Bronski
Schneekönig

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426306116

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Freitag, 8. Februar 2019

Margot Jung - Liebe, Tod und Tofu


Humorvoll, spritzig, spannend

Als ich das Buch vor mir liegen hatte, dachte ich, wow, ein aussergewöhnliches Cover. Erinnert mich eher an einen Comic. Jetzt, wo ich die Geschichte und die Handelnden kennengelernt habe, frage ich mich, wer auf dem Cover wer ist. Dem Wort „Tofu“ seine eigene Farbe zu geben, macht das Cover noch interessanter.

Worum geht es?

Nach einbem Murenabgang sitzt Fernsehköchin Francesca Carlotti in einem kleinen Berghotel irgendwo in den deutschen Alpen, wo sie zu einem Kochkurs gebucht ist, fest. Ausser ihr haben sich auch ihr Exmann Gianluca, von dem sie aber noch nicht geschieden ist, mit seiner neuen Perle Jaqueline und seine Ex-Fußballkameraden hier eingefunden, die den Geburtstag von ihrem Freund Enzo Rotundo feiern wollen. Nacheinander stranden auch Francescas Kinder Clara und Cosimo hier. Als es den ersten Mord gibt, fühlt sich Dorfpolizist Adam dazu berufen, diesen aufzuklären. Und schon ist die Hölle los…

Die Menschen, die hier zusammengefercht sitzen, haben alle sehr verschiedene Charaktere, kommen menschlich sehr gut rüber und ich kann mich in ihre Situation recht gut hineinversetzen. Die Freunde, verbunden im Fußball, sind heute zum Teil nicht gut aufeinander zu sprechen. Dorfpolizist Adam stellt die kuriosesten Motivtheorien auf, Cosimo, klugscheißert herum wie ein Großer und Francesca versucht, alle irgendwie auf Spur zu halten.

Eine unterschwellige Spannung ist von Anfang an da und wird noch etwas erhöht, durch kurze Kapitel, die ohne Namensnennung auskommen und die die Gedanken des Täters wiederzugeben scheinen. Das erhöht natürlich die Spannung noch mehr.

Wo genau man sich befindet, habe ich beim Lesen nicht herausfinden können. Hat aber für die Geschichte auch keine Bedeutung. Ich hatte beim Lesen immer mal wieder die Bilder von den Lawinen im Kopf, die in den Bergen vor kurzem gesprengt wurden.

Untermalt mit farbenfrohen Szenebildern sehe ich die Gruppe auch optisch vor mir.

Da Francesca zum Kochen ins Hotel gekommen ist, bekomme ich als Nachschlag einige ihre Rezepte präsentiert.

Wer einen knallharten, blutrünstigen und anspruchsvollen Krimi erwartet, ist hier absolut falsch. Wer aber wie ich bei einem humorvollen und trotzdem spannenden Krimi gut unterhalten werden und auch mal schmunzeln will, der ist hier genau richtig.

Margot Jung
Liebe, Tod und Tofu

3H group
ISBN 9783981859096

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Mittwoch, 6. Februar 2019

Peter Prange: Eine Familie in Deutschland


Der Schriftsteller Peter Prange beobachtet, recherchiert und hört aufmerksam zu. Und er beschäftigt sich mit einem Thema, bevor sich dieses schließlich in einem fulminanten Roman seine Bahn bricht. So auch in seinem neuesten Werk "Eine Familie in Deutschland", wovon momentan der erste von zwei Teilen vorliegt.

Wie auch schon in einigen seiner anderen Romane geht es in diesem um die nationalsozialistische Vergangenheit und was diese Auswüchse mit den Menschen machen. Nun hat ihn die Frage beschäftigt, was er gemacht hätte, wenn er in der damaligen Zeit gelebt hätte. Dafür hat er ein Figurenensemble geschaffen, welches fast alle Charaktereigenschaften der menschlichen Gesellschaft beinhaltet. Komprimiert wurde dies auf eine Familie sowie deren Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis. Die Handlung des Romans beginnt 1933 zur Zeit der Machtergreifung Adolf Hitlers. Oberhaupt ist Hermann Ising, Zuckerfabrikant im Wolfsburger Land. Er ist Ortsgruppenleiter in dem Ort Fallersleben, aus welchem der Dichter des Deutschlandliedes stammt. Ising ist zwar Mitglied der Partei des Führers, doch eigentlich sind die Ansichten der Partei nicht gerade seine. Aber als angesehener Zuckerbaron, der er bleiben möchte, unterwirft er sich den gesellschaftlichen Zwängen. Zur Familie gehören aber ein jüdischer Freund einer seiner Töchter, so wie ein kommunistischer Freund der anderen Tochter. Ein Sohn hat mit Politik gar nichts am Hut, er ist Ingenieur und entwirft mit seinem jüdischen Freund den Prototypen eines Volkswagens. Der zweite Sohn lebt ausschließlich für die NSDAP. Er sieht seine Rolle ausschließlich in den Reihen der Partei. Da beißt sich also schon eine ganze Menge innerhalb der Mitglieder der Familie. Hinzu kommen Konflikte, die von außen in die Familie getragen werden.

Prange versteht es auf das Feinste, die historischen Gegebenheiten dramaturgisch in die fiktive Handlung um die Isings einzubauen. Jede Situation wirkt authentisch, plausibel, nachvollziehbar, wenn man sie wie der Autor aus der jeweiligen Perspektive der Figuren sieht. Dabei verschwimmen die Übergänge von Fiktion und Realität dermaßen, dass man mehr als einmal geneigt ist zu sagen: Ja, so war das.

Mit dem Buch vergehen die über 600 Seiten und der Zeitraum von 1933 bis 1939 wie im Fluge. Man freut sich mit den Figuren, man ärgert sich mit ihnen, manchmal packt einen die Wut. Wut über die Naivität, Wut über die Dummheit, aber auch Wut über die Arroganz. Und man bewundert manchmal den Mut, mit dem so manche Figur agiert.

Außerdem erfährt der Leser einiges über die Macht der Manipulation durch Propaganda, über das manipulative Wirken großer Konzerne, die am Rockzipfel der Partei- und Politikinteressen hängen, über den Machtmissbrauch, der aus einem Beziehungsgeflecht entsteht. Vieles von dem, was der Autor beispielsweise an der Geschichte der Familie Ising aufzeigt, wirkt auch heute noch in gleicher Weise. Die Menschheit ist leider nicht davor geschützt und zeigt gerade in jüngster Vergangenheit, dass sie nicht aus dem Damals gelernt hat. Prange hat einen großen Familienroman geschaffen, der weit mehr ist. Wer ernsthaft an deutscher Geschichte interessiert ist, sollte sich das Lesevergnügen keinesfalls entgehen lassen. Denn trotz des Themas ist er extrem spannend und unterhaltsam, mit einer Leichtigkeit geschrieben, die nichts davon ahnen lässt, dass die Arbeiten dazu zehn Jahre benötigten.

Peter Prange
Eine Familie in Deutschland
S. Fischer Verlag

ISBN 9783651025561

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Dienstag, 5. Februar 2019

Susanne Mischke - Zärtlich ist der Tod


Wenn Liebe zum Geschäft wird

Edeltraud Cebulla, Sekretärin im Kriminalkommissariat Hannover ist verzweifelt. Ihr Freund Viktor Füssli, mit dem sie dieses verlängerte Wochenende in Heilgendamm an der Ostsee verbringen wollte, ist nicht gekommen. Nach kurzen Ermittlungen muss ihr ihr Chef KHK Bodo Völxen mitteilen, dass es sich bei Füssli sehr wahrscheinlich um einen Heiratsschwindler handelt und sie ihre 30.000 Є in den Wind schreiben kann. Als er dann tot in einem Waldstück aufgefunden wird, wird es richtig spannend und interessant.

Dies ist mein erster krimineller Einblick ins Kommissariat Hannover und es wird definitiv nicht mein letzter sein. Mir hat es sehr gut gefallen, dass ich die Dezernatsmitglieder um Völxen herum durch seine Gedanken, die um seine Versetzung bzw. seinen Aufstieg gekreist sind, wie nebenbei kennengelernt habe. Z.B. Oda Kristensen, die von einer kleinen Midlifekrise gebeutelt wird; Fernando Rodriguez, der durch den Wohnungsausbau langsam an seine Grenzen kommt und Erwin Raukel, der von einem Bier zum nächsten lebt, ist auch nicht ohne. Insgesamt sind alle Personen, die ich hier kennengelernt habe, eingeschlossen auch Hund Oscar und die 5 Rasenmäher Schafe von Völksen, so intensiv, bildlich vorstellbar und menschlich beschrieben, dass ich bei dem ein oder anderen meine, ihn persönlich zu kennen.

Auch, dass die Geschichte in der Gegenwart erzählt wird, gefällt mir sehr gut. Da bin ich noch mehr dabei und fühle mich mittendrin. Interessante Dialoge und immer wieder kleine Einblicke in das Privatleben der Ermittler lenken nicht vom eigentlichen Fall ab. Nein, ich finde, sie sind ebenfalls so interessant und spannend und intensivieren das ganze noch. Völxen und Co. ist es sogar gelungen ein paar heitere Passagen in den doch meist strengen Alltag eines Dezernats einfließen zu lassen.

Die Kriminalgeschichte liest sich leicht und flüssig. Nach verschiedenen Wendungen habe ich meine Verdächtigen immer wieder ad acta legen müssen. Und der Schluss hat mich überrascht und gleichzeitig zufrieden zurück gelassen. Und da aus Volxens Versetzung nichts wird, habe ich ja die Hoffnung, dass er noch einen weiteren Fall in Hannover bearbeiten wird.

Ein spannender Fall, interessante Protagonisten und ein Umfeld, dass mir sehr gut gefällt ist mir 5 Sterne wert.

Susanne Mischke
Zärtlich ist der Tod

Piper Verlag, München
ISBN 9783492061285

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© Gaby Hochrainer, München 2019

Sonntag, 3. Februar 2019

Pierre Lemaitre - Die Farben des Feuers


Eine imposante Familiengeschichte!

Der reiche, bewunderte und geachtete Pariser Bankier Marcel Pericourt ist tot. Am Tag seiner Beerdigung springt sein Enkel Paul aus einem Fenster im 2. Stock der Stadtvilla. Nach quälenden Tagen im Krankenhaus steht fest, Paul ist gelähmt, er wird nie wieder laufen können. Für Madeleine, die Tochter des Bankiers und Pauls Mutter, bricht eine Welt zusammen. Ihre Trauer und ihr Muttersein benutzt Gustave Joubert, der langjährige Buchhalter des Bankenimperiums, dazu, nach und nach das Vermögen der Pericourts auf seine Konten zu schaufeln. Aber auch verarmt gibt Madeleine nicht auf und entwickelt sich zu einer starken Frau, die mit ihrem Starrsinn und einer kriminellen Energie, die ich ihr nicht zugetraut hätte, ihren ganz eigenen Weg der Rache geht.

Pierre Lemaitre nimmt mich auf seine ganz eigene Art und Weise zu schreiben, die ich nicht immer leicht zu lesen fand, mit ins Paris von 1927. Hier lebe und leide ich mit Madeleine und ihrem Sohn Paul bis ihr Rachefeldzug nach ca. 6 Jahren beendet ist. Ein Leben voller Intrigen, Neid, Habgier, Hass, Vergeltung und Faszination.

Die Familiengeschichte der Pericourts lebt von ihren lebhaften Dialogen, wird erzählt von einem unbeteiligten Beobachter, der sich hin und wieder auch direkt an den Leser wendet, was ich so bisher in keinem Buch gefunden habe, was sich aber sehr interessant liest.

Die handelnden Charaktere werden detailliert und aufwendig beschrieben. Es ist mir nicht immer leicht gefallen, mich zwischen Sympathie und Ablehnung gegenüber einer Person zu entscheiden. Zu vielfältig nach beiden Seiten sind die Eigenschaften gezeichnet. Ich habe mit geliebt, mit gelitten, mit getrauert und mich an kleinen Besonderheiten, die die Geschichte zu etwas ganz besonderem machen, gefreut. Auch wenn ich die ein oder andere Person mal aus den Augen verliere, bekomme ich zum Schluss der Geschichte eine Zusammenfassung, was aus jedem Einzelnen geworden ist.

Pauls Leidenschaft für die Sängerin Solange Gallinato und sein polnisches „Kindermädchen“ Vladi, die keinen Ton französisch spricht, aber zupackt und für Paul durchs Feuer gehen würde, lockern die manchmal etwas dunkle Atmosphäre immer wieder auf.

Eine wunderbare Geschichte inmitten von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Krisen über eine starke Frau, die ihren ganz eigenen Weg der Vergeltung geht. Ein beeindruckendes Buch, dem man aber etwas Zeit geben sollte, sich zu entfalten. Dann bekommt man absoluten Lesegenuss.

Pierre Lemaitre
Die Farben des Feuers

Aus dem französischen von Tobias Scheffel
Klett-Cotta Verlag
ISBN 9783608963380

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Freitag, 1. Februar 2019

Charly von Feyerabend - Müritz, Mord und Mückenstich


Nun weiß ich, warum campen nichts für mich ist.

Zusammen mit Ehemann Georg und den Kindern Jonni und Lea verbringt die im 7. Monat schwangere Hobby-Ornithlogin Friederika "Frieda" Rudi ihren Sommerurlaub auf dem Campingplatz Hexenwäldchen in der Gemeinde Mirow an der Müritz. Camping ist so gar nicht ihres, aber als dann morgens ein Toter in ihrer Hängematte liegt, beginnt es, ein spannender Urlaub zu werden. Herzinfarkt? Bei einem so durchtrainierten Mann? Nein, das kann sich Frieda absolut nicht vorstellen und beginnt auf eigene Faust zu recherchieren. Was nicht bei allen Campingplatzbesuchern gut ankommt ...

Dank einer Umgebungskarte vor der Geschichte weiß ich beim Lesen immer genau, an welcher Stelle des Campingplatzes ich mich gerade befinde.

Frieda habe ich sofort ins Herz geschlossen. Sie hat so eine natürlich-naive unbekümmerte Art und einen ganz eigenen Humor, der mir immer wieder die Mundwinkel nach oben gezogen hat. Zusammen mit Manuela, die sie hier am Campingplatz kennenlernt, ergibt sich ein unschlagbares Team. Ich finde es bewundernswert, wie zwei so total verschiedene Frauen wie Frieda und Manuela plötzlich auf einer Welle schwimmen, zusammen ermitteln, auch wenn ihre Gedanken nicht immer in einem Takt schwingen. Auch die anderen Personen, die hier mitspielen, haben ausgefeilte Charaktere und sind für mich gut vorstellbar gezeichnet.

Der Debütkrimi kommt ohne großes Blutvergießen aus, hält trotzdem eine gewisse Spannung aufrecht. Es kommen immer neue Verdächtige hinzu, andere werden fallengelassen. Aber war es wirklich Mord? Die Frage bleibt bis kurz vor Schluss offen.

Aber nicht nur der Krimi spielt hier eine Rolle. Auch die Schwangerschaft mit ihren Tücken und die Familie spielen immer wieder eine Rolle.

Im Anschluss an die Geschichte finde ich jede Menge Rezepte, die auf Camper zugeschnitten sind. Und auch wenn campen nicht meins ist, so werde ich doch das ein oder andere Rezept mal ausprobieren.

Was mit den Tagen ein bisserl nervt ist der tägliche Bericht der "Schwangerschafts-App". Darauf hätte ich hier gerne verzichten können. Aber, durch diese App habe ich einige Vokabeln norwegisch gelernt.Ha det bra – Gute Zeit

Wer einen superspannenden, vor Blut triefenden Krimi sucht, dem hat Frieda leider nichts zu bieten. Wer aber einen sprachlich interessanten, trotz allem spannenden und etwas humorigen Krimi lesen und ins Campingleben hinein schnuppern möchte, der ist hier genau richtig.

Von mir gibt es hier 4,5 von 5 Sternen.

Charly von Feyerabend
Müritz, Mord und Mückenstich
Gmeiner Verlag, Meßkirch

ISBN 9783740803919

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