Freitag, 30. November 2018

Barbara Steuten - Kati Küppers und der entlaufene Filou

Küsterin Kati ermittelt wieder.

Johannes „Jo“ Heribert Matthäus Küpper stößt beim Gassigehen mit einem Hund der seiner Frau Katharina „Kati“ Teodora, der Küsterin des Ortes, und ihm zugelaufen ist, im Wald von Niederbroich auf einen Toten. Von Maden besiedelt und von Larven zerfressen wird der Unkenntliche in die Gerichtsmedizin gebracht. Da aber weder die Entomologin Prof. Dr. Brigitte „Biggi“ Hamacher noch Kriminalhauptkommissar Philip Rommerskirchen und sein Kollege Björn Tiedke in diesem Fall weiter kommen, schaltet sich die Küsterin wieder mal ein. Und sofort geht a bisserl was voran …

Niederbroich, der kleine Ort am Niederrhein, ist für mich wie krimineller Urlaub. Bei Kati, Jo, Bene, Pfarrer Remigius und Kommissar Rommerskirchen fühle ich mich nach meinem letzten Aufenthalt schon wie bei guten Bekannten. Neue Dorfbewohner lerne ich hier auch wieder kennen. Alle mit Ecken und Kanten sehr liebevoll und farbig skizziert. Sympathien zu vergeben, bei dem einen mehr, beim anderen weniger, ist mir hier sehr leicht gefallen. Alle passen perfekt ins Bild des Dorfes.

Apropo Sympathien: Ein Blick hat genügt und ich war hin und weg von Filou, dem kleinen Jack-Rissel-Terier.

Es gibt zwar auch hier einen Toten, aber der sehr humorige und mit einem Augenzwinkern erzählte Krimi zielt nicht auf die Leser, die Blut, Mord und Totschlag brauchen. Gerade die Leichtigkeit gemischt mit Spannung macht für mich hier das Lesen zu einem Genuss.

Eingebettet ist hier auch ein sehr aktuelles Thema: Pflegenotstand im Seniorenheim. Zum einen mag ich es sehr, wenn solche Themen auch in einem Krimi zur Sprache kommen und hier hat das Thema noch einen besonderen Bezug.

Wer Krimi gepaart mit Humor und Lokalkolorit sucht, der ist hier genau richtig. Ich habe die spannenden Lesestunden sehr genossen.

Und ja, liebe Barbara, der Text ist auch ausserhalb des Rheinlandes gut zu lesen und zu verstehen.

Barbara Steuten
Kati Küppers und der entlaufene Filou
edition oberkassel, Düsseldorf

ISBN 9783958131521

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© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 28. November 2018

Mika D. Mon - Narbensohn

Gänsehautfeeling!

Zu allererst hat mich das Cover angezogen, bei dem ich zweimal hinschauen musste, um die beiden zerrissenen Gesichter zu erkennen.

Ein romantischer Thriller – wie soll das denn gehen? Diese Frage wollte ich mir beim Lesen des Buches beantworten. Ich habe es nicht bereut – es geht wirklich und sogar ganz gut.

Helena Weiß möchte Gefangenen eine Stimme geben und interviewt in einer JVA für ein Buch zuerst Kleinkriminelle, dann einen Mörder, Liam Winterfeld. Er zieht sie mit seinen stahlblauen Augen sofort in seinen Bann. Da er einen Großteil seiner Strafe abgesessen hat, kommt er bald auf Bewährung frei. Es bleibt nicht aus, dass sich Helena und Liam auf der Straße begegnen – unter sehr negativen Bedingungen. Und um nicht wieder einsitzen zu müssen, entführt Liam Helena in eine einsame Hütte im Wald.

Wie gefährlich ist dieser gewaltbereite junge Mann? Was hat er mit der jungen Frau vor? Helena versucht alles um ihn davon zu überzeugen, dass die Liebe alles schaffen kann. Immer wieder zeigt sie Liam, was es heißt geliebt zu werden.

Den ersten negativen Eindruck vom Buch hatte ich, als ich es in Händen hielt. Es ist, obwohl es nur 400 Seiten hat, sehr schwer und unhandlich. Was ich aber beim Lesen fast vergessen habe.

Helena und Liam, zwei Protagonisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sind sehr tiefgründig, menschlich und klar gestaltet, haben ihre Fehler, Schwächen und Stärken, die hier sehr gut rüberkommen. Beide durchleben auch eine Wandlung, die mir sowohl bei Liam als auch bei Helena sehr gut gefallen hat.

Liam, den seine Kindheit stark geprägt und ihm zu dem gemacht hat, was und wie er heute ist, öffnet sich langsam und lässt Gefühle zu. Er ist mir trotzdem etwas zu böse und zu attraktiv.

Helena, die alles versucht um aus dem Bad Boy einen „normalen“ Mann zu machen, war mir teilweise zu naiv und zu gutgläubig. Wenn ich bei einem Interwiev den Unterschied zwischen Mord und Totschlag nicht kenne, passt für mich etwas nicht.

Die wenigen weiteren Protagonisten wie Helenas Vater und ihr Bruder Florian, Daniel, Anna und Caleb werden ebenfalls sehr gut vorstellbar gezeichnet, haben ein Herz und eine Seele, und waren mir jeder auf seine Weise von Anfang an sehr sympathisch. Ganz im Gegensatz zu Balthasar und Markus, zwei derart widerliche Typen.

Alle lassen mich tief in ihre Seelen blicken, was beim Lesen nicht immer ganz leicht zu ertragen war.

Die Geschichte an sich greift ein sehr brisantes und immer wieder aktuelles Thema auf: Kindesmissbrauch. Da die Autorinnen die Geschehnisse sehr lebhaft, direkt und klar beschreiben, sowohl in der Vergangenheit von Liam, als auch in der Gegenwart, hatte ich mehr als einmal Gänsehaut und traute mich fast nicht weiter zu lesen. Es hat mich schon sehr mitgenommen.

Ab der ersten Seite haben es die beiden Autorinnen geschafft, mich total in die Geschichte hineinzuziehen und und zu fesseln. Bei den kurzen Kapiteln habe ich immer wieder gedacht: Ach nur eins noch. Aber zum Weglegen des Buches musste ich mich immer wieder zwingen.

Ein starkes Cover, eine fesselnde Geschichte zwischen Liebe und Gewalt, brutal, romantisch, leidenschaftlich, tiefblickend, die unter die Haut geht und Gänsehaut erzeugt. Ich habe die letzten Lesestunden sehr genossen. Nun warte ich sehnsüchtig auf eine Fortsetzung.

Mika D. Mon
Narbensohn
Einstrom Verlag, 

ISBN 9783961117208

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Sonntag, 25. November 2018

Lotte Minck - 3 Zimmer, Küche, Mord

Humorig-kriminell-gut!

Ihr Lebensabschnittsgefährte Patrick ist weg und Loretta ist sich sicher: Sie braucht einen Neuanfang mit neuer Wohnung, neuer Umgebung, aber mit ihren alten Freunden. Und vor allem ohne Tote und Verbrechen.

Schneller als geglaubt findet sie eine schnuckelige 3 Zimmerwohnung mit Balkon für sich unter Kater Baghira. Die Nachbarn scheinen auch nett zu sein. Aber schon nach einer Woche liegt der junge Mann aus dem Erdgeschoss, der doch bald umziehen wollte, tot im Garten. Und wer übernimmt den Fall: natürlich Kommissarin Astrid Küpper, das Patenkind von Lorettas Freund Erwin. Aber so sehr sich Loretta auch sträubt, sie kann sich aus den Ermittlungen nicht raushalten. Erst recht nicht, nachdem Harmony, die kleine Nachbarin von oben, Andeutungen zum Freund ihrer Mutter gemacht hat, die so gar nicht sein dürfen.

Und schon geht das Gerangel zwischen der Kommissarin, Loretta und Erwin wieder los.

Dies ist nun schon der 10. kriminellkomödiantische Fall, den ich zusammen mit Loretta Luchs lösen darf. Und ich bin wieder ganz begeistert. Es ist wie zurück zu Freunden kommen, wenn ich von Frank Kropka mit seiner Klümpchenbude, seiner Bärbel,

Ex-Polizist Erwin, seiner Doris, Diana und Okko von der Nordseeküste und von Jupp Zwo, Locke und Steiger, dem geriatrisch-infernalische Rentner-Trio lese. Alle habe ich seit vielen Büchern ins Herz geschlossen. Vor allem Frank mit seinem Ruhrpottdialekt bringt mich immer wieder zum Grinsen. Und bei dem Buffet, dass Doris auf die Beine stellt, läuft mir wieder das Wasser im Mund zusammen.

Aber ich lerne auch wieder neue Menschen kennen. Die neuen Nachbarn von Loretta: Harmony, von allen liebevoll Hammenie genannt, und ihre Mutter Jeanette Zwickel; ihren Freund und Arnold „Arnie“ Reitmüller, der als Lehrer an eine Grundschule versetzt wurde;

Horst und Mitzi Kabolek, die aus dem vorletzten Jahrhundert herausgefallen zu sein scheinen; die beiden Studentinnen aus dem Dachgeschoss Kerstin Dankow und Filiz Öztürk, IT-Spezialist Marcel Lembeck und Hermine Schiller, die ihre Rente mit Bio-Eier-Bekleben aufbessert. Auch ein Taubenvatter ist mit von der Partie. Von ihm habe ich einiges über die Taubenzucht gelernt.

Alle sind so farbig und ausdrucksstark gezeichnet, dass ich sofort einen bleibenden Eindruck von ihnen hatte.

Der Fall gestaltet sich sehr schwierig, weshalb Loretta auch fast nichts anderes übrig bleibt, als mal wieder einzugreifen. Ich hatte zwar bald einen Verdacht. Aber es hat dann doch bis kurz vor Schluss gedauert, bis er sich auch bestätigt hat. Ich fand diesen Fall mit allem, was damit zusammenhängt, einfach nur schlimm.

Für mich hat sich wieder mal bestätigt: In einer Ruhrpott-Krimödie ist Loretta die Allerbeste Ermittlerin, die ich mir denken kann.

Ein spannender, interessanter Fall, ausdrucksstarke Protagonisten und eine Prise Humor = allerbeste Unterhaltung. So macht Lesen Spaß.

Auch dieser Fall mit Loretta Luchs bekommt von mir die volle Punktzahl: 5 Sterne.

Lotte Minck
3 Zimmer, Küche, Mord
Dromer Knaur Verlag, München

ISBN 9783770020195

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Freitag, 23. November 2018

Friedrich Ani - Der Narr und seine Maschine

Düster und bedrückend!

Tabor Süden, Ex-Polizist und nun Ex-Privatdetektiv, steht in einer Bahnhofshalle und schaut wie gebannt auf die Anzeigetafel. Die Reisetasche in seiner Hand wird schwer. Zuerst hat er seinen Beruf aufgegeben, jetzt seinen Job und seine Wohnung. Für seine Zukunft wünscht er sich die allumfassende Unsichtbarkeit.

Cornelius „Linus“ Hallig, 64, Trinker, Raucher, ehemals erfolgreicher Schriftsteller unter dem Pseudonym Georg Ulrich, erinnert sich ohne Wehmut an die Zeit, als er mit seiner Mutter noch in einem Haus, einer eigenen Wohnung gewohnt hat. Hier steht er nun davor und läuft seinen Erinnerungen nach.

Süden hat einige Krimis von Ulrich gelesen. Früher. Heute soll er ihn suchen. Er nimmt den Auftrag seiner ehemaligen Chefin an.

Bei „Ein Fall für Tabor Süden“ habe ich sofort an einen Krimi gedacht. Aber obwohl diese Geschichte, die Friedrich Ani hier für seinen Ermittler kreiert hat eine leichte Spannung bietet, würde ich sie nicht als Krimi bezeichnen. Für mich sind es die Lebensgeschichten zweier Menschen, die durch das Verschwinden des Einen und der Suche des Anderen aufeinander treffen.

Friedrich Ani versteht es gekonnt, die Zerrissenheit, die Hoffnungslosigkeit, die Düsternis, die beiden Einzelgängern inne wohnt zu beschreiben. Er lässt mich ein Stück des Weges mit ihnen gemeinsam gehen, mich die Verlassenheit spüren und tief in die geschundenen Seelen blicken.

Das Cover passt sehr gut zur Geschichte und zum Schluss weiß man auch, was es mit dem Titel auf sich hat.

Eine einfühllsame, bedrückende, psychologisch ausgereifte Geschichte über Verlassen und Verlassen werden. Keine leichte Lektüre, aber absolut lesenswert – auch ohne Happy End.

Ich denke, dass ist nun wirklich der endgültige Abschied von Tabor Süden, den ich in den letzten Jahren ins Herz geschlossen habe.

Friedrich Ani
Der Narr und seine Maschine
Suhrkamp Verlag, Berlin

ISBN 9783518428207

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Mittwoch, 21. November 2018

Heidi Hetzer - Ungebremst leben

Alter schützt vor Abenteuer nicht.

Solange sie denken kann, interessiert sich Heidi Hetzer nur für eines: für Autos. Mit 13 endet ihre erste Spritztour mit einem DKW-Pritschenwagen an einem hölzernen Gartentor. Aber auch das Victoria-Motorrad ihres Vaters ist vor ihr nicht sicher. Wie gut er die Schlüssel auch versucht zu verstecken – Heidi findet sie – immer. Mit 23 betreibt sie ihre erste Autovermietung. Dann winkt 1 Jahr Amerika. Ich lerne kurz ihren Mann und ihre beiden Kinder kennen. Ich fühle mich wie als Beifahrerin oder hinten auf dem Motorrad mit dabei, wenn sie von den zahlreichen Ralleys und Fernfahrten in Europa, Asien und Amerika erzählt.

Im Juni 2012 mit 75 Jahren verkauft sie das Autohaus Hetzer.

Im Juli 2014 startet Heidi Hetzer vom Brandenburger Tor aus mit einem Hudson Great Eight Coach Baujahr 1930, also älter als sie selbst, in Richtung Osten. Durch Tschechien, Österreich, Slowakei, Serbien, Montenegro, durch die Türkei hinein nach Asien. Über China runter nach Singapur, auf´s Schiff weiter nach Perth in Australien und durch die Nullarbor-Wüste auf der geradesten Piste der Welt, anschließend Neuseeland. Von dort an die Westküste der USA einmal quer durch´s Land, dann nach Kanada und wieder zurück bis nach Florida. Sie bereist Südamerika, Südafrika und kommt endlich über Südeuropa zurück nach Berlin, wo sie am 12. März 2017 mit ihrem Hudo strahlend nach 960 Tagen und 85000 km ankommt.

Ich hatte mir dieses Buch als einen Reisebericht vorgestellt. Bekommen habe ich sehr viel mehr. Einblicke in ihre Kindheit, Jugend und in ihr Privatleben. Ich bin dabei, wie sie sich mit Sprachschwierigkeiten, Problemen mit Papieren, Strapazen und den immer wiederkehrenden Macken ihres „Hudo“ auseinander setzen muss. Ich lerne mit ihr interessante Menschen kennen und darf an ihren Glücksmomenten teilhaben. Immer wieder spüre ich, wie sehr Heidi ihren „Hudo“ liebt, alles Schlechte von ihm abhalten will, nur selten jemanden an ihn heranlässt – meistens schraubt sie selbst.

Ich war selten von einem Reisebericht so fasziniert, vor allem aber von Frau Hetzer, bei der ich micxh frage, woher sie die Kraft, die Energie und die Ausdauer zu so einer Unternehmung nimmt. Und wie sie dieses trotz ihrer schweren Erkrankung nicht aufgibt, sondern nur kurz unterbricht.

Die vielen farbigen Fotos im Inneren des Buches haben es geschafft, dass sich beim Lesen immer irgendwelche Bilder in meinem Kopf festgesetzt haben und ich so sehr intensiv mit auf Tour war. Die Erzählungen sind nie langweilig, die Seiten sind mir nur so durch die Finger geglitten. Ich hätte gerne noch weiter gelesen. Da Heidi Hetzer schon eine weitere Fahrt, diesmal durch Afrika von Nord nach Süd, mit einem wüstentauglichen Toyota Youngtimer plant, kann ich mich schon heute auf ihr neues Abenteuer freuen.

Heidi Hetzer
Ungebremst leben
Ludwig Verlag, München

ISBN 9783453281134

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Sonntag, 18. November 2018

Simone Buchholz - Mexikoring

Gewöhnungsbedürftig, aber gut!

Hansestadt Hamburg: Hier brennen des nachts Autos. Auch in dieser Nacht. Nur sitzt in dieser Nacht ein junger Mann in dem Auto, dessen Türen verriegelt sind, und erliegt seinen Verletzungen im Krankenhaus. Wer ist dieser Nouri Saroukhan? Und warum musste er sterben?

Das versucht die Staatsanwältin Chastity Riley mit einem Team vom LKA 44 und mit Kollegen aus Bremen herauszufinden.

Als ich mich für dieses Buch beworben habe, war mir nicht klar, dass es sich hier um den bereits 8. Band der Serie um die Hamburger Staatsanwältin handelt. Bis auf wenige Ausnahmen, die aber alle ins Private der Ermittlerin zielen, hatte ich nicht den Eindruck, dass mir irgendwelche Informationen fehlen. Ich habe dem neuen Fall hier gut folgen können.

Dies war der erste Fall, den ich zusammen mit Chastity Riley zu lösen versucht habe. Anfangs fiel mir das wegen der teils ungewöhnlichen Schreibweise der Autorin nicht leicht. Aber ich habe mich schnell an den gewöhnungsbedürftigen Stil herangetastet. Riley erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht in der Gegenwart. Das lässt mich noch näher am Geschehen dran bzw. mittendrin sein.

Wer ist dieser junge Mann, gebürtig aus Bremen, jetzt wohnhaft in Hamburg, der sich in jungen Jahren von seiner Familie losgesagt hat und dessen Leben nun zuende ist? Seine Familie stammt ursprünglich aus dem Nahen Osten vom Stamm der Mhallamiye in der Osttürkei, überall nur geduldet, ohne Pass, ohne Arbeitserlaubnis, kein sicherer Status – was teils noch heute so ist. Kam er wegen einer Clanfehde um? Hat es etwas mit seiner Freundin Aliza Anteli, die er schon aus Kindertagen kennt und die einem anderen Clan angehört, zutun? Die Geschichte führt mich tief in das Clanwesen ein, dass sich in diesem Fall zwischen Bremen und Hamburg abspielt. Alle sind sehr verschlossen, schotten sich nach aussen ab. Trotzdem erfahre ich einiges, was mich erschüttert und ich nicht glauben will, dass sich das in unserem Land, quasi vor meiner Haustüre, abspielt. Da man immer wieder von solchen Clans liest, finde ich die Geschichte an sich sehr interessant. Hier aber ist sie mir einfach noch nicht tiefgründig und ausführlich genug.

Ich habe eher den Eindruck, dass den größeren Teil der Geschichte die Staatsanwältin selbst einnimmt. Ich finde sie innerlich irgendwie zerrissen. Schlaflos, nach Anerkennung heisched, mit einem Hang zu zuviel Bier und Wodka, und vor allem mit einem großen, manchmal rotzfrechen Mundwerk ausgestattet, wird sie nicht zu meiner Freundin. Passt aber sehr gut zum Kiez und in die Umgebung der Menschen am unteren Rand unserer Gesellschaft. Vielleicht müsste ich sie aber auch nur etwas besser lennenlernen.

Insgesamt finde ich die Handelnden mit ihren Ecken und Kanten, ihrer Verletzlichkeit und ihrem knallharten Handeln gut und fassbar, eben richtig menschlich, beschrieben.

Ganz langsam fügen sich die Ermittlungsergebnisse zu einem große Ganzen. Nicht immer trifft das Offensichtliche zu und ich musste meine Meinung zum Fall das ein oder andere mal überdenken und ändern. Das Ergebnis ist etwas anders, als von mir erwartet.

Der Spannungsbogen ist in dieser Geschichte nicht sehr hoch angesetzt. Hat mich persönlich beim Lesen aber nicht gestört, da es sehr viel Interessantes zu verarbeiten gibt.

Ein interessanter Fall, ein ungewöhnlicher, für mich gewöhnungsbedürftiger Schreib- bzw. Erzählstil, macht zusammen gute Unterhaltung aus.

Simone Buchholz
Mexikoring
Suhrkamp Verlag, Berlin

ISBN 9783518468944

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Freitag, 16. November 2018

Felicitas Gruber - Gschlamperte Verhältnisse

Ein sehr krimineller Sommer in München.

Es ist Sommer in der Sadt und für Kriminalhauptkommissar Joe Lederer und die beiden Rechtsmedizinerinnen Dr. Sofie Rosenhuth und Dr. Elke Falk die Hölle los. Ein toter Mann schwimmt in der Isar, vier ausgebeinte Schädel tauchen auf, im gerade gekaufen Haus von Gerichtsreporter Karl Maria "Charly" Loessl findet sich eine eingemauerte weibiche Leiche, bei einer jungen männlichen Leiche stellt sich eine kuriose Vergiftung heraus, Dr. Falk sucht auf einem Datingportal nach der Liebe ihres Lebens und in einem Lagerschuppen werden jede Menge gestohlene religiöse Reliquien gefunden. Das sorgt sowohl bei der Kripo als auch vor allem in der Rechtsmedizin für sehr viel Arbeit. Und dabei soll ja die Liebe nicht zu kurz kommen; auch wenn die Verhältnisse erstmal gschlampert bleiben.

Es ist so schön, hier im 5. Band um die "kalte Sofie", den man auch sehr gut ohne Kenntnis der Vorgänger lesen kann, was sich aber absolut lohnt, alte Freunde wiederzulesen. Sofie, Joe, Dr. Falk, Charly Loessl, seinen Onkel Max, Stefan "Spike" Moosbichler und seine Shirin, jetzt mit Töchterchen Ayrun Sofie Elfe, Tante Vroni und ihre Florian, Hochwürden David Karisimbi aus Ghana, Stadtpfarrer von Mariahilf mit seinem mitreißenden Lächeln in seiner weißen Soutane und natürlich einen der liebsten Möpse überhaupt – den kleinen Murmel, der hier sogar eine kleine Hauptrolle spielt – alle sind wieder hier mit eingebunden. Alle diese Menschen mit ihren Ecken und Kanten, mit ihren Eigenheiten ihrer Herzlichkeit und ihrer Normalität habe ich in den vergangenen Jahren richtig ins Herz geschlossen. Aber auch die weiteren Personen, die hier ihr Unwesen treiben, sind bildhaft, real und gut vorstellbar beschrieben – aber leider meist tot.

Ich liebe den münchnerischen Dialekt, den Sofie und ihre Tante hervorragent beherrschen. Er wird hier so gekonnt eingesetzt, dass er auch für NichtBayern sehr gut zu verstehen ist. Und bei den vielen Köstlichkeiten, die Tante Vroni hier wieder auffährt, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Das alles macht für mich einen spannenden, interessanten Regionalkrimi aus. Und Brigitte Riebe und Gesine Hirsch alias Felecitas Gruber verstehen es vorzüglich, diese Regionalität rüber zu bringen.

Es hat in diesem Sommer sehr viele unterschiedliche Fälle, die alle bearbeitet werden wollen. Wenn auch der ein oder andere Fall recht vorhersehbar scheint – dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch. Die kriminalistischen Fälle werden sauber und nachvollziehbar abgearbeitet und ich kann gut mit ermitteln, bin vor Beginn an mittendrin. Ich erfahre einiges über Relequien und eine Tapete, die den Tod bringen kann. Ich lerne immer wieder Neues.

Dadurch, dass der Humor und das Menschliche miteinander eine fast so große Rolle spielen, wie die Kriminalität, leidet der Spannungsbogen etwas darunter. Aber es muss ja nicht immer hochexplosiv zugehen in einem Krimi. Auch die Leichtigkeit hat sehr gute Seiten. Mit gefällt diese Art Krimi, die mich nachts noch schlafen lässt, sehr gut.

Auch liebestechnisch liegt einiges in der Luft. Sophie muss sich nun endlich für einen ihrer beiden Männer, Joe oder Charly, entscheiden. Dr. Falk sucht in einem Datingportal für Menschen mit Hund nach der großen Liebe. Und es gibt da auch jemanden, der ihr Herz rasch schneller und ihre Augen Funken sprühen lässt.

Wieder einmal viel zu schnell ist auch dieses Buch ausgelesen. Spannend, interessant, mit einer Prise Humor, viel Lokalkolorit und vielen sehr sympathischen Menschen kann ich es nur empfehlen.

Felicitas Gruber
Gschlamperte Verhältnisse
Diana Verlag, München

ISBN 9783453359574

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Mittwoch, 14. November 2018

James Lee Burke: Flucht nach Mexiko

Dave Robicheaux, Protagonist dieser Krimi Reihe von James Lee Burke, wird in diesem Roman an alte Vorgänge in seinem Leben erinnert. Obwohl er seine Erinnerungen lieber verdrängen würde, zwingt ihn das Geständnis eines alten Mannes zum Gegenteil. Die Ereignisse um das Verschwinden von Ida Durban treten in den unmittelbaren Vordergrund. Sein Halbbruder Jimmy war damals so verknallt in Ida, dass der so viele Jahre kaum an ein anderes Mädchen gedacht hatte. Jimmy und Ida wollten damals nach Mexiko abhauen und ein neues Leben beginnen. Doch Jimmy wartete an dem ausgemachten Termin umsonst, Ida kam nie. Von dem Tag an blieb sie verschwunden. Und je mehr Zeit verging, umso mehr glaubte Jimmy, dass sie tot war.

Der Fall von der Vermissten Ida ist aber nicht der einzige Fall, mit dem sich Dave befasst. Seine Freundin, Kollegin und Chefin Helen bei der Polizei holt ihn wegen seiner außerordentlich guten Ermittlungsleistungen in den Dienst zurück. Schließlich ist gerade ein Serienmörder unterwegs, der junge Frauen entführt und brutal ermordet. Dave ist gut und sie braucht jeden Mann, da kann sie auf die Gründe seiner Entlassung keine Rücksicht nehmen.

James Lee Burke ist für seine schonungslose Beschreibung des Amerikas von heute bekannt. Es ist das Amerika abseits der riesengroßen Megacitys, ein Amerika in den Tiefen des Landes, ein Amerika, wo US-Präsident Trump seine Freude hat, Wähler zu gewinnen. Doch der Autor protokolliert in seinen Fiktionen sehr authentisch und detailreich die Vorgänge in der amerikanischen Seele. Neben den actionreichen Szenen holt Burke immer wieder Luft und lässt die Gedanken der Leser baumeln, wenn er durch den Kopf und die Erinnerungen des Protagonisten dessen Leben und Gefühlswelt schildert. Man kommt so nah an Dave Robicheaux heran, dass man meint, mit ihm in einer Kneipe zu sitzen und ein Bier zu trinken. Dabei trinkt der gar kein Bier. In anderen Momenten fasziniert Burke mit einer Landschaftsbeschreibung, wenn das Auto über die Straßen rollt oder geangelt wird. Und besonders beruhigend ist es, wenn sich der Protagonist an solche schönen Bilder erfreut. Jegliche Brutalität und Gewalt, zu der Robicheaux immer wieder gezwungen wird, ist dann verschwunden. Man spürt den Drang genau wie Dave, allen Schmutz und Dreck hinter sich zu lassen. Die Mischung aus besinnlichen und actionreichen Szenen ist dem Schriftsteller extrem passend gelungen.

Ein fesselnder Roman, der seinen Autor von der besten Seite zeigt. Unbedingt zu lesen!

James Lee Burke
Flucht nach Mexiko
Pendragon Verlag, Bielefeld

ISBN 9783865326218

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018
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Dienstag, 13. November 2018

Kristin Hannah - Liebe und Verderben

Alaska – eine Herausforderung

1974: Lenora „Leni“ Allbright ist 13 Jahre alt, als ihre Eltern Ernt und Caroline beschließen: Wir ziehen nach Alaska. Ernt, der schwer traumatisiert aus dem Vietnam-Krieg heimgekommen ist, sieht hierin eine Chance auf ein neues, für ihn unbeschwertes Leben. Dazu kommt, dass ihm sein Kamerad und Freund sein Haus in Kaneq hinterlassen hat. Sie finden eine heruntergekommene Hütte ohne Strom und fließendes Wasser. Aber auch Nachbarn, die sofort bereit sind mit anzupacken und den Neuankömmlingen das Leben etwas zu erleichtern.
Ernt, der gehofft hatte, hier seine Dämonen los zu werden, wird immer unberechenbarer und Coraline sieht irgendwann keinen Ausweg mehr ...

Für mich ist es das erste Buch der Autorin, das ich gelesen habe. Aber ich bin so begeistert von dem eingängigen Sprachstil und den bildreichen Erzählungen, dass bestimmt weitere folgen werden.

Ich habe mich entführen lassen in die weite, einsame und wunderschöne Landschaft des flächenmäßig größten, nördlichsten und westlichsten Bundesstaates der Vereinigten Staaten von Amerika. Allein die Beschreibungen der unberührten Natur, der glasklaren Seen, des einfachen Lebens und der hilfsbereiten Menschen, die hier leben, haben für mich das Lesen zu einem Genuss gemacht. Ich erlebe die Sommer, in denen die Sonne kaum untergeht und die endlos langen Winter, in denen es kaum hell wird.

Ernt, der mir anfangs in seiner Gefangenheit noch leid tut, entwickelt sich immer mehr zu einem Tyrann, der nicht aus seiner Haut kann, sich aber auch nicht helfen lassen will. Cora, von der ich immer wieder hoffte, dass sie sich in ihrer Abhängigkeit und Hörigkeit zu Ernt besinnt, dass sie auch eine Tochter hat, die sie braucht. Und Leni, die in ihrer neuen Schule einen Jungen kennen- und lieben lernt, die Strapazen des Lebens im hohen Norden versucht auszuhalten, dem Jähzorn ihres Vater zu entgehen und die die Liebe zu ihren Eltern trotzdem nie aufgibt. Die Drei sind mir im Laufe der Geschichte richtig ans Herz gegangen – positiv und negativ. Ich habe einige Tränchen verdrückt beim Lesen.

Kristin Hannah hat eine Art zu schreiben und zu beschreiben, so leicht, so eingängig und so plastisch, dass es mir sehr schwer gefallen ist, das Buch immer mal wieder aus der Hand zu legen. Sowohl Leni und ihre Eltern, Coras Eltern, als auch Large Marge, die Walkers, den Mann mit der Gans und die Familie Harlan – alle sind sehr menschlich und real beschrieben, dass ich sie beim Lesen regelrecht greifen konnte. Aber auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Sie hält sich dauerhaft im Hintergrund um dann von jetzt auf gleich bei einer der verschiedenen Wendungen wieder hervorzuspringen.

Ein sehr einfühlsamer, sehr emotionaler und tiefgründiger Roman über Familie, Freundschaft, Liebe, Verlust, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft, der mich tief berührt hat. Mein bisheriges Jahres-Lesehighlight.

Kristin Hannah
Liebe und Verderben

Aufbau Verlag, Berlin
ISBN 9783352009136

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© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 11. November 2018

Sabine Vöhringer - Das Ludwig Thoma Komplott

Ludwig Thomas Erbe

Im Nachlass ihres Großvaters entdeckt die junge Verlegerin Julia Frey ein Manuskript des im August 1921 in Tegernsee verstorbenen deutschen Schriftstellers Ludwig Thoma. Hierin findet sie Hinweise auf den Täter der Prostituiertenmorde in den 1960er Jahren. Kann die Veröffentlichung des Manuskriptes den Untergang ihres kleinen Verlages retten? Sie will die ihr vorliegenden Seiten zuerst ihrem langjährigen Freund Kommissar Tom Perlinger zeigen. Auf dem Weg zu ihm, wird sie auf offener Straße hinterrücks erschossen.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern Jessica Starke und Korbinian Mayrhofer nimmt Perlinger die Suche nach dem Mörder auf. Dabei werden sie mit immer neuen Fragen konfrontiert und die Ermittlungen führen sie zurück bis in die 1920er und frühen 60er Jahre.

Sabine Vöhringer legt uns mit diesem Buch den 2. Band zur Krimireihe um den charismatischen Münchner Kommissar Tom Perlinger vor, den man aber auch sehr gut ohne die Vorkenntnisse des ersten Buches "Die Montez-Juwelen" lesen kann.

Ich liebe diese Fälle, die in meinem München gesettet sind. Zusammen mit den Kommissaren bin ich in der Sendlingerstraße und deren Umgebung unterwegs, habe alles vor Augen und bin nicht nur mit dabei, sondern fühle mich sofort mitten hinein gezogen in die Ermittlungen und diesen einmaligen Fall.

Drei Wochen vor dem Mord an Julia Frey versucht Claas Buchowsky, den ich im ersten Band kennengelernt habe, seinen ehemaligen Freund und Partner Tom Perlinger zu erschießen. Gut, dass er das nicht schafft. Claas wird später noch gebraucht.

Ab November 2017 muss ich mich dann mit dem Anschlag auf Julia, mit Ludwig Thoma und seinem bisher unentdeckten Werk, mit den Vorbereitungen zu den Olympischen Spiele 1972, mit der Russenmafia, mit dem Freundeskreis um Tom, der keiner mehr zu sein scheint, mit einem Drogenproblem, mit einem Cold Case aus den Mitte 60er Jahren, mit dem Verbleib eines kleinen Hundes, und mit Immobilienspekulationen befassen. Puh – so viele einzelne Fäden, die sich aber gaaanz langsam miteinander verweben, bis sich schließlich aus den vielen kleinen Puzzleteilen ein großes Ganzes und die Auflösung ergibt. Aber bis dahin ist es ein langer spannungsbeladener Weg.

Damit sich auch Nicht-Münchner sofort in der Stadt und den den Handlungsorten zurechtfinden, finde ich in der hinteren Umschlagklappe einen Plan, der mich leitet. Wie es sich für einen Lokalkrimi gehört, beschreibt die Autorin die Plätze der Handlung und deren Umgebung so detailgetreu, mit viel Liebe und augenscheinlich, dass ich beim Lesen alles vor mir sehe. Ich erfahre einiges über meine allerliebste kleine Asamkirche, über Ludwig Thoma und sein Werk "Der Münchner im Himmel". Ich denke, man merkt beim Lesen, dass Sabine Vöhringer unsere Landeshauptstadt genau so sehr liebt wie ich.

Auch die Personen, die hier handeln, und das sind doch wieder einige, habe ich beim Lesen sehr bildlich vor Augen, da sie mit ihrem Aussehen, ihren verschiedenen Charaktären und ihren Eigenheiten unverwechselbar beschrieben sind. Mein Kopfkino war jedenfalls von Anfang an stark gefordert.

Die Geschichte, die sich die Autorin diesmal ausgedacht hat, hat mich von Anfang an gefesselt. Ich habe sehr gut miträtseln können, hatte immer wieder eine Lösung für mich parat. Es hat dennoch bis kurz vor dem großen Showdown gedauert, bis auch ich durchblickt habe, wie hier alles gelaufen ist. Der Spannungsbogen steigt gleich am Anfang stetig an und wird durch Perspektivwechsel und Wendungen, die man so nicht erwartet, gleich straff gespannt und hoch gehalten.

Ich fand es sehr unterhaltsam wieder ein paar spannende und sehr interessante Lesestunden mit Protagonisten zusammen zu sein, die ich wieder etwas näher kennengelernt habe. Ich werde Tom, Christl und seinen Bruder Max vom Hackerhaus, Jessica und Mayrhofer von der Kripo und auch Claas vermissen.

Sabine Vöhringer
Das Ludwig Thoma Komplott
Gmeiner Verlag, Messkirch

ISBN 978-3-8392-2294-2

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© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 9. November 2018

Ulrike Busch - Countdown in Westerland

„Sylter Sommernachtsträume“

Eventmanager Jonny Quadt ist gerade mitten in den Abschlussarbeiten zu den „Sylter Sommernachtsträumen“, das jährliche Event auf der Insel der Reichen und Schönen, als eine Kugel durch sein Bürofenster haarscharf an ihm vorbei schrammt und in der Wand stecken bleibt. Seine Lebensuhr, die ihn daran erinnert, wie viele Sekunden er noch hat, bleibt stehen. Als er Zielscheibe für ein zweites Attentat wird, ist es für ihn klar: sein ärgster Konkurrent und ehemals bester Freund auf der Insel will ihn beiseite schaffen. Aber wie kommt der an seine Waffe? Und wie kommt der an den Computer, der die Lebensuhr steuert?

Diese und viele weitere Fragen werfen sich für Kriminalhauptkommissar Kuno Knudsen und seinen Kollegen Arne Zander von der Kripo Wattenmeer auf.

Ulrike Busch beschreibt ihre Protagonisten so bildhaft und so detailgetreu, dass ich, obwohl ich gerade Kuno Knutsen und Arne Zander schon länger „kenne“, auch bei ihnen immer noch kleine neue Eigenschaften entdecke, die mir bisher nicht aufgefallen waren. Überhaupt ist es für mich wie Freunde besuchen, wenn ich mit der Kripo Wattenmeer unterwegs bin. Denn auch diesmal sind Knutsens Bruder Okko und der Inselreporter Friedrich Fliegenfischer „Effeff“ wieder mit dabei.

Die Hauptfigur in diesem Fall, Jonny Quadt, ist etwas mopsig, trotzdem sehr erfolgreich, zielorientiert und in seine technischen Spielereien verliebt. Er lebt nach seiner Lebensuhr, überwacht seine Mitarbeiter über deren Computer und auch sein Haus gleicht einer kleinen Festung. Mir war er von der ersten Begegnung an nicht sehr sympathisch.
Ganz im Gegensatz zu seiner richtig liebenswerten Lebensgefährtin Eta Smid, die ebenfalls im Eventbereich tätig ist.

Auch die anderen Mitwirkenden haben ihre Ecken und Kanten, sind sehr gut vorstellbar gezeichnet und haben sich in meinem Kopfkino festgesetzt.

Von Anfang an konnte ich auch diesmal wieder mit rätseln und mit fiebern. Ein ganz außergewöhnlicher Fall, bei dem mir auch die Wendungen wieder sehr gut gefallen haben. Obwohl die meine Tätertheorie immer wieder ausgebremst und durcheinandergewirbelt haben.

Den Duft nach Heidekraut und Meersalz hatte ich immer mal wieder in der Nase. Und mein Bild von Sylt hat sich dank der wundervollen Beschreibungen wieder ein bisserl mehr vervollständigt. Dort muss ich wirklich mal hin.

Ich bin auch diesmal wieder sehr gut unterhalten worden und hatte einige spannende und interessante Lesestunden.

Ich kann dieses Buch nicht nur Syltliebhabern empfehlen; alle Anderen werden ihre Liebe zu unserer diesmal sehr kriminellen Insel bestimmt entdecken.

Ulrike Busch
Countdown in Westerland
BoD Verlag, Norderstedt

ISBN 9783752809985

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© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 7. November 2018

Julie Masson: Madame Bertin steht früh auf

Ab nach Paris, dachte ich mir und griff bei diesem Buchtitel und seinem Klappentext zu. Für Kriminalromane im „Miss Marple"-Stil gibt es ja schon eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren, z. B. ermittelt in Cornwall „Miss Mabel" (Rebecca Michéle) oder am Niederrhein „Kati Küppers" (Barbara Steuten). Wenn der Verlag also einen Krimi als die „Miss Marple von Paris" ankündigt, dann wird er gewisse Erwartungen bei den Lesern wecken. Und diese werden im vorliegenden Roman erfüllt.

Madame Bertin ist Inhaberin einer Bäckereikette in Paris. Sie hat als Bäckermeisterin höchste Ehren erlangt und darf deshalb den französischen Präsidenten im Elysée-Palast beliefern. Doch nun möchte sie sich zur Ruhe setzen und hat die Geschäftsführung an ihren Neffen abgegeben. Plötzlich sieht sie im Haus gegenüber hinter einer Fensterscheibe eine blutige Hand hinabgleiten. Aufgeregt begibt sie sich dorthin, weil sie einen Unfall vermutet. Doch da ist im Hausflur und an dem Fenster nichts zu entdecken. Ihr Anruf bei der Polizei lässt sie jetzt dumm dastehen. Doch nicht mit Madame Berti!. Sie ist fest davon überzeugt, dass in diesem Haus ein Verbrechen geschehen ist. Schließlich weiß sie doch, was sie gesehen hat. Ihr Counterpart von der Polizei ist da ganz anderer Meinung. Die Verwicklungen machen den Roman immer spannender. Dadurch, dass das Setting schon durch den Lieferantenstatus an die Regierungskreise heranreicht, zeigen die verschiedensten Spuren wunderbar auch in diese Richtung. Zudem gibt es ein zwielichtiges Restaurant, in welchem gepokert wird. Die Pokerrunden sind ebenfalls mit hochrangigen Geschäftsleuten und Politikern besetzt.

Das Pariser Lokalkolorit kommt hervorragend zum Vorschein. Man sieht die Wasserpfützen auf den Gehsteigen, man riecht den warmen Gestank der Metro. Paris-Liebhaber werden einen großen Wiedererkennungswert haben, sehr bildreich wird diese Metropole in die Handlung eingebunden. Ebenso bildreich, aber für mich wesentlich zu detailreich und langatmig, sind die Beschreibungen von Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs, z. B. der Inhalt eines Kühlschrankes über mehrere Seiten hätte gerne gekürzt werden können, ohne dass der Handlung des Romans damit Schaden zugefügt worden wäre.

Ein gemütlicher und humorvoller Krimi mit einem besonderen Lokalkolorit, der mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Julie Masson
Madame Bertin steht früh auf

Rowohlt Verlag, Hamburg
ISBN 9783499274718

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018
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Was sich bei edition oberkassel so tut!

Dienstag, 6. November 2018

Erin Kelly - Vier.Zwei.Eins

Nichts ist wie es scheint

1999 – Es ist Sommer in Cornwall und beim Festival am Lizard Point treffen sich tausende Menschen um bei der Sonnenfinsternis dabei zu sein. So auch Kit und Laura. Als die beiden anschließend zu ihrem Zelt zurück gehen, ist sich Laura sicher, eine Vergewaltigung gesehen zu haben. Im Prozess beteuert der Angeklagte, Jamie, die Tat immer wieder; das Opfer, Elisabeth "Beth" Taylor, schweigt. Jamie bekommt 5 Jahre Haft. Monate später steht Beth vor Lauras und Kits Tür und schleicht sich im Laufe der Zeit still und heimlich in ihr Leben. Nur Kit scheint zu ahnen, dass Beth eine Bedrohung für sie Beide darstellt ...

So, wie mich das Cover angezogen hat, zieht mich auch die Geschichte, zuerst ganz langsam, dann immer schneller total in sich hinein. Es ist mir teilweise sehr schwer gefallen, das Buch mal zur Seite zu legen. 5 Phasen, wie bei einer totalen Sonnenfinsternis mit 66 Kapiteln, die mit dem jeweils Erzählenden und einer Zeitangabe versehen sind, lassen sich leicht und flüssig lesen.

Laura und Kit erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht. 1999 in der Vergangsheitsform, 2015 lässt mich die Autorin in der Gegenwart in ihren Gedanken dabei sein. Obwohl die Zeiten und auch die erzählenden Protagonisten immer wieder wechseln, ließ die Spannung nicht nach. Ich hatte sogar das Gefühl, dass gerade die Rückblicke die Spannung noch erhöhen. Alles fügt sich ganz gemächlich zu einem runden Ganzen zusammen. Anfangs war mir die Geschichte zu seicht, zu langsam. Aber im Laufe des Lesens habe ich gemerkt, dass genau das die Spannung ab der ersten Seite ebenfalls stetig steigert. Auch brauche ich die vielen kleinen Belanglosigkeiten, die der Text versteckt, um, wie ich meine, hinter die Fassade der Protagonisten zu schauen. Denn Vieles ist Lüge, vieles ist verwirrend, nichts ist wie es scheint.

Mag auch der Beginn der Geschichte noch so dahin tröpfeln. Je weiter ich hinein kam, desto spannender und abwechslungsreicher wurde es. Hatte ich gerade gemeint, alles hinterblickt zu haben, tut sich eine neue Wendung auf. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Diese Frage habe ich mir immer wieder mal gestellt. Beantwortet wird sie erst ganz zum Schluss. Und vor allem dieses Ende, mit dem ich so absolut nicht gerechnet habe, hat es in sich und mich etwas schockiert.

Die Protagonisten sind so facettenreich und gut vorstellbar skizziert, dass ich schnell ein vorstellbares Bild von ihnen hatte. Laura und Kit, Beth und Jamie - richtige Sympathie hat sich nicht eingestellt. Nur die schwangere Laura hat sich ein kleines Stückerl meines Herzens ergaunert.

Ein tolles Buch, bei dem man sich am Anfang etwas Zeit für die Entwicklung geben muss. Das aber dann so richtig in Fahrt kommt und für spannende, abwechslungsreiche Unterhaltung sorgt. Ich jedenfalls bin absolut begeistert!

Erin Kelly
Vier.Zwei.Eins

S. Fischer Verlag, Frankfurt /M.
ISBN 9783651025714

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© Gaby Hochrainer, München 2018

Montag, 5. November 2018

Andrea Bottlinger - Das Geheimnis der Papiermacherin

1621 in Nürnberg ...

Nürnberg 1621: In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges versucht die 19-jährige Anna Pecht die Papiermühle ihres Vaters über Wasser zu halten. Lumpen zur Papierherstellung sind rar. Also entschließt sie sich zusammen mit 4 Freunden im Umland, wo die Soldaten schon abgezogen sind, danach zu suchen. Dass sie damit dem Leiter des Handelshauses Bartholomäus von Treist, der nicht nur saubere Geschäfte macht, in die Quere kommt, ahnt sie da noch nicht. Sein Bruder Johann, der auch keine reine Weste hat, rettet Anna aus einer brenzligen Situation – und bekommt die junge Frau nicht mehr aus dem Kopf …

Andrea Bottlinger nimmt mich mit in die verdreckten Straßen von Nürnberg, zu den verwüsteten Dörfern in der Umgebung und ins herrschaftliche Haus der von Treists. Sie beschreibt alles so detailliert und farbig, dass ich meine, den Schmutz, die eingelegten Lumpen und das Blut riechen zu können. Besonders ein Toter, die erste Begegnung auf Annas Beutezug, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Fast alle Protagonisten sind gut ausgearbeitet, kommen authentisch und lebendig rüber und haben sich bildhaft in meinem Kopf eingenistet. Durch den eingängigen und leicht zu lesenden Schreibstil bin ich sofort in der Geschichte drin und mit Anna und ihren Freunden unterwegs.

Anna ist eine sehr taffe junge Frau, der fast nichts anderes übrig bleibt, als zu unlauteren Mitteln zu greifen, um die Papiermühle ihres Vaters, die direkt am Ufer der Pegnitz liegt, für sich und ihre Angestellten am Leben zu erhalten. Ihr trunk- und spielsüchtiger Vater Josef ist ihr dabei keine Hilfe. Im Gegenteil: mit seinen Schulden stürzt er sie nur noch tiefer ins Unglück. Aber Anna ist keine, die so leicht aufgibt.

Vor allem hat sie Freunde, die mit ihr zusammen stehen und sie nicht im Stich lassen. Egal was passiert.

Eine weitere, mir sehr sympathische Frau, ist Sybille Stromer. Was es mit ihr auf sich hat? Lest selbst.

Die Autorin schafft es, mich für diese unwirtliche Zeit in Nürnberg zu faszinieren, mich sehr schnell ins Buch hineinzuziehen. Sie gibt dem historischen Roman eine ganz schön große Portion Spannung mit, bei der es mir schwerfällt, das Buch auch mal aus der Hand zu legen.

Ein historischer Roman, der mich nicht nur in das karge Leben und die Überlebensängste des Dreißigjährig Krieges mitnimmt. Ich erfahre auch einiges über die Papierherstellung und dass Freundschaft keine Grenzen kennt.

Ein interessantes, spannendes Buch, mit dem ich ein paar wunderbar unterhaltsame Stunden hatte.

Andrea Bottlinger
Das Geheimnis der Papiermacherin
Aufbau Verlag, Berlin

ISBN 9783746634036

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© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 4. November 2018

Jenseits von Wut von Lucie Flebbe


Gerade noch sollte Edith „Eddie“, hübsch aufgestylt mit Ihrem künstlichen Zopf, in der Edel-Muckie-Bude Ihres Gatten Häppchen reichen, als sie auf einmal auf der Straße steht. Ihre Tochter Lotti und sie sind mehr als Hals über Kopf aus dem ehelichen Haus geflüchtet. Auslöser ist ein böser Streit mit Ihrem Mann, denn der ist nicht nur verletzend, sondern wirklich beleidigend. Im Nachhinein überlegt, war so eine Flucht längst nötig, so ein Ekelpaket wie Philipp geworden ist.
Doch was nun? Eddie braucht eine Wohnung, muss wieder arbeiten. Eigentlich ist sie nicht so wild darauf, wieder bei der Polizei zu arbeiten, doch was bleibt ihr für eine Wahl? Sie kann Teilzeit wieder einsteigen, sofort sogar, denn es ist Not am Mann. Dass Eddie nicht nur für einige Stunden Schreibarbeiten übernimmt, sondern sofort in eine Mordermittlung einsteigt, ist nicht der Plan. Doch genau so kommt es: Vor dem Jobcenter wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, die brutal erschlagen wurde. Und die Mordkommission braucht jede Unterstützung. Und somit ist Eddie von einen Moment auf den anderen wieder mitten drin…
© Marion Brunner_ Buchwelten 2018

Freitag, 2. November 2018

Christian Schnalke - Römisches Fieber

Eine spannende Reise ins künstlerische Rom

Franz Wercker will schon von Kindesbeinen an Schriftsteller werden. Nach seiner unschönen Kindheit reist als Filippo Miller, dem Namen, mit dem seinerzeit schon Goethe nach Italien gereist ist, von Zuchthaus und Hinrichtung bedroht, über die Alpen, an den Gardasee. Hier ist er mit seinen Kräften am Ende, zerlumpt und total erschöpft, will er sich im Gardasee umbringen.

Cornelius Lohwaldt, durch eine Leibrente von König Maximilian dazu in der Lage, lebt für seine Dichtkunst. Auch er will nach Rom. Wie es aber der Zufall will, endet sein Leben, als er schwimmend im Gardasee mit dem Tod ringt und diesen Kampf verliert. Auch Franz kann ihn nicht retten. Er nutzt das Schicksal zu seinen Gunsten und reist unter der Identität von Lohwaldt weiter nach Rom, seiner Sehnsuchtsstadt. Hier tritt er ein in das ausschweifende Leben als Künstler, findet schnell Freunde und vor allem die Anerkennung, die er sich immer gewünscht hat.

In Sorge um ihren Bruder und weil sie sich aus den Zwängen der Familie befreien will, kommt Cornelius´ Schwester Isolde nach Rom. Schnell findet sie den Namensträger ihres Bruders und der Lügenballon, den Franz über sich aufgebläht hat, droht zu zerplatzen…

Anfangs hatte ich etwas Mühe in die Geschichte hinein zu kommen. Aber nach ein paar Seiten hatte sie mich gepackt. Ich habe mit den Protagonisten gelitten, mich hier und da gefürchtet, habe gelacht und vor allem das neue Leben von Franz / Cornelius genossen.

Eine Geschichte, in der ich alles finde, was für mich einen guten Roman ausmacht: ein Mord, ein Unglück, Liebe, Freundschaft, die vielfältige Kunst, eine unverhoffte Wendung und ich habe mitgefiebert – immer wieder. Mit der Vielzahl von Nebenrollen musste ich auch noch klar kommen, ohne diese zu verwechseln.

Und ich hatte den Eindruck, dass auch der Autor voll in seiner Geschichte drin ist und sie nicht nur erzählt. Die Bildhaftigkeit des Schreibstils und das Realistische der Protagonisten haben mein Kopfkino schnell in diese andere Zeit hineingezogen.

Ich fand das Flair und die Landschaftsbeschreibungen vom Gardasee sehr beeindruckend und schön. Als ich dann zusammen mit Franz / Cornelius im Rom bin, fehlen mir hier diese Bilder etwas. Das wurde dann aber durch die vielen künstlerischen Details und Kleinigkeiten wieder wettgemacht. Hier in Rom komme ich mit der farbigen Welt der Künstler und ihrer Künste in Berührung und das hat mich richtig fasziniert. Ich fühle mich mitten hinein katapultiert in das römische Künstlerleben von vor fast genau 200 Jahren.

Ein spannender, künstlerischer Roman, der mich begeistert hat. Es war mein erstes Buch des Autors. Aber ich hoffe auf mehr.

Christian Schnalke
Römisches Fieber
Piper Verlag, München

ISBN 9783492059060

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© Gaby Hochrainer, München 2018