Freitag, 31. August 2018

Simone Dorra - Römermaske

Geschichte kann auch spannend sein

Kommissar Malte Jakobsen hat nicht viel Zeit sich in seinem neuen Zuhause einzuleben. Als er zusammen mit Lukas, den er vor einiger Zeit in seinem ersten Fall bei der Kripo Waiblingen kennengelernt hat, das Ostkastell in Welzheim besichtigt, findet er im Kastellbrunnen einen Toten. Professor Simon Adlersfeld hat eine Maske, die im Kastell unter einem Baum gefunden wurde, als echte Römermaske identifiziert. Warum musste er sterben? Geht es hier nur um die Römermaske – oder steckt da mehr dahinter?

Mir gefällt es sehr gut, dass Lukas, den ich bereits bei den Pfadfindern im ersten Fall von Malte Jakobsen und Melanie Brendel kennengelernt habe, sich hier mit Malte ausspricht. Und er ist ja auch in diesem Fall dann noch sehr präsent.
Mir gefallen die Protagonisten, die hier mitspielen sehr gut. Die russische Seele Ekaterina, das Klatschweiberl Frau Gruber, der Schmied Herr Wieland, der Römervereinsvorsitzenden Herbert Häger und sein Stellvertreter Johannes Sandmann und viele mehr. Sie alle werden so liebevoll detailiert und menschlich beschrieben, dass ich sofort mitten unter ihnen bin und mich schon wie ein Bewohner des kleinen Städtchens fühle.
Die immer wieder eingestreuten schwäbischen Dialoge, die auch für Nichtschwaben gut zu verstehen sind, geben der Geschichte, zusammen mit schwäbischem Essen, genau die richtige Portion Lokalkolorid.

Ich hätte nie gedacht, dass mich geschichtliche Fakten so in den Bann ziehen könnten. Aber ich sehe, es kommt nur darauf an, wie es vermittelt wird. Und hier war ich von der römischen Geschichte einfach nur gefesselt. Eingebettet in diesen Kriminalfall habe ich einiges gelernt, konnte mitfiebern und mit ermitteln. War immer direkt mittendrin und voll dabei. Wenn ich den Fall im Nachhinein betrachte, war der Täter eigentlich schon länger klar. Aber Simone Dorra hat es gut verstanden, die kleinen Hinweise so zu verstecken, dass ich doch erst ziemlich zum Schluss drauf gekommen bin, um wen es hier geht.
Malte Jacobsen entwickelt sich langsam vom "Einsamen Wolf" zum Teamplayer. Seine Kollegin habe ich ja schon länger ins Herz geschlossen. Hier scheint es zwischen den Beiden, die als Ermittler sehr gut zusammen passen, auch privat ganz leicht zu knistern. Ich sehe hier und da Sternchen fliegen.

Dies ist der zweite Fall von Malte und Melanie, den man aber sehr gut ohne die Kenntnisse vom ersten Fall lesen kann. Aber wenn man die Charaktäre besser kennenlernen und einen weiteren spannenden Fall erleben will, lohnt sich der erste Fall auf alle Fälle.

Viele Dank für einige spannende und sehr unterhaltsame Lesestunden. Ich freue mich heute schon auf Fall Nr. 3.

Simone Dorra
Römermaske

Silberburg-Verlag
ISBN 9783842520875

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 29. August 2018

Gabriele Diechler - Lavendelträume

Ein Geheimnis aus der Provence

Julia Bents Mutter ist bei einem Autounfall, an dem sich Julia mitschuldig fühlt, verstorben. Bei der Durchsich des Nachlasses findet Julia den Schlüssel zu einem Schließfach. Darin ein Päckchen mit einem Parfümflakon und einem kleinen Zettel: Je t´aimerai jusqu´a la fin de la vie! A. Wer ist A.? Und was hat er mit ihrer Mutter zu tun? Julia beschließt dieses Geheimnis zu lüften und begibt sich nach Südfrankreich in die Provence, in den kleinen Ort Roquefort-les-Pins in der Nähe von Grasse. Noch ahnt sie nicht, dass diese Reise ihr leben entscheident verändern wird ...

Gabriele Diechler hat mich mit ihrem Roman nach einer kurzen Einführungsphase direkt in die Blütenpracht und die Ruhe in der Provence hineingezogen. Die Freundlichkeit und die Herzlichkeit der Menschen dort haben mich genau wie Julia willkommen geheißen und bei den Beschreibungen der Menschen und der Landschaft mag man fast nicht mehr von dort fort. Ein weiteres tragen die Düfte dazu bei, die ich meine riechen zu können, wen ich die Augen schließe.

Diese bildhaften, sehr gefühlvollen und eindrucksvollen Momente, die ich hier zusammen mit den Protagonisten erlebe, lassen mich runterkommen, fesseln mich an das Buch bis ich es mit einem Seufzer zur Seite lege. Aber es gibt auch die nachdenklichen Szenen, die zum diskutieren anregen, die mir hier sehr gut gefallen. Das Leben ist nun mal nicht immer nur schön.

Das Buch hat auch schon fast kriminalistische Züge. Ich will wissen, welches Geheimnis Julias Mutter hatte; ich will wissen, wie es mit Julia und dem Sohn des Parfümeurs weiter geht. Ich will wissen, wie sich Julias Freundin in Frankfurt mit ihrem Immobilienbüro schlägt. Ich fühle schon fast gezwungen weiter zu lesen und den Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Eine einfach wunderbare und grandiose Geschichte, die niemand besser erzählen kann, als Gabriele Diechler.

Eine wunderbar romantische, gefühlvolle Geschichte mit einem Rätsel, das mit einigen Wendungen gekonnt aufgelöst wurde. Tolle, bildreiche, sehr gute Unterhaltung von der ich gerne mehr hätte!

Gabriele Diechler
Lavendelträume
Suhrkamp Verlag, Berlin

ISBN 9783458363507

© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 26. August 2018

Iris Hell - Kleckerlätzchen für Fortgeschrittene

Aus zwei Kindern werden Vier

Kim Weiss ist wieder schwanger. Zusammen mit ihrem Mann sitzt sie bei ihrem Gynäkologen und bekommt eine Nachricht, die sie schier vom Hocker haut bzw. absolut sprachlos macht: sie erwarten Zwillinge. Sie besinnen sich auf ein bewährtes Ritual und gehen in ihr Cafe, trinken einen Espresso und lassen die Nachricht erst mal sacken. Die beiden süßen Mädels die Kim dann zur Welt bringt, bringen ihr Leben ganz schön auf Trab.

Iris Hell beschreibt in einer so gelungenen Weise, wie die plötzliche vierfach-Mutti versucht ihren Alltag mit vier kleinen Kindern zu bewältigen. Ich sehe sie direkt vor meinen Augen – rechts und links einen der beiden Zwillingsmädchen auf dem Arm, Clara, wie sie sich an ihre Beine klammert, Lil, die auch ihre Aufmerksamkeit möchte. Dazu Berge von Windelpackungen, Milchtüten und Essensgläschen.

Die Wohnung wird zu klein und ich darf die sechs in ihr neues Haus in Freiman begleiten. Hier ist mehr Platz, aber das Chaos scheint Kim gepachtet zu haben. Sie kommt mir oft richtig überfordert vor. Was sich aber auch nach einer Mutter-Kind-Kur nicht allzuviel ändert. Und ihr Mann Marcus? Der zerfließt in seiner Kanzlei vor Arbeit. Einer muss ja das Geld nachhause bringen. Trotzdem behält sie meist ihre gute Laune, lässt sich nicht unterkriegen. Gerade das macht sie so sympathisch.

Richtig leid getan hat mir Kim, als sie sich entscheidet, wieder arbeiten zu gehen. Teilzeit, mit 4 kleinen Kindern – ein Plan, der nicht aufgehen kann. Aber sie gibt nicht auf und entscheidet sich, ihrem Leben eine Wende zu geben. Und ich denke, damit lässt sich Kindererziehung und Berufung sehr gut unter einen Hut bringen.

Ein wunderbares Buch, bei dem ich mit Kim gelacht habe, dabei war, als sie versucht, ihren Mädels Ordnung beizubringen. Und mag es noch so hektisch zugehen. Aus jeder Zeile liest man, wie sehr Kim ihre 4 Mädels liebt und sie für nichts in der Welt wieder hergeben würde.

Wenn ihr glaubt, mit einem Kind schon überfordert zu sein, dann lest dieses Buch. Meine Beiden sind schon erwachsen. Trotzdem hatte ich mit diesem Buch sehr gute, interessante und kurzweilige Unterhaltung.

Iris Hell
Kleckerlätzchen für Fortgeschrittene
tredition Verlag

ISBN 9783743981546

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 24. August 2018

Volker Eggers: 1 Blech - 50 Rezepte

Leckeres aus dem Ofen

1 Blech – 50 Rezepte von Volker Eggers aus dem GU-Verlag hat mich so angelacht und mir den Mund wässrig gemacht. Da musste ich es einfach mitnehmen.

Aus dem Ofen auf den Tisch heißt es auf der Vorderseite. Und es stimmt. Ich habe das ein oder andere Rezept schon ausprobiert und bin fast begeistert.

Fast, weil bei einigen Rezepten Zutaten reingehören, die ich zum einen nicht im Haus habe und die ich zum anderen so selten brauchen werde, dass ich sie einfach weggelassen bzw. ersetzt habe. Ansonsten sind die Rezepte, wie auch angegeben, einfach und unkompliziert.

Im Buch finde ich Rezepte zu Dipps und Saucen, Blechrezepte zu Fisch, Fleisch und Geflügel. Vegetarisches ist natürlich auch dabei. Genau so wie Snacks und Süßes.

Für alle, die mal ohne Töpfe, Pfannen und Bräter auskommen wollen: Hier seid ihr richtig!


Volker Eggers
1 Blech - 50 Rezepte

GU Verlag,
ISBN 9783833861628

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 22. August 2018

Else Buschheuer - Masserberg

Einmal Masserberg, immer Masserberg

Die 17-jährige Mel Tauber kommt wegen ihrer Erblindung in die Augenheilstätte Masserberg in Thüringen. Ihr geht es hier nicht wirklich gut, bis ein junger neuer Arzt in der Klinik anfängt und Farbe in Mels Leben bringt.

Ich habe mich anfangs etwas schwer getan. Vor allem mit Mel – frech, unangepasst, schrill, aber auch künstlerisch sehr begabt und vor allem sehr verletzlich und manchmal auch ängstlich. Als ich mich aber mit Mel, die den Altersschnitt der Augenheilklinik am Masserberg drastisch senkt, arangiert hatte und sie richtig sympatisch fand, war es für mich nur noch ein Lesegenuss.

Ich tauche ein in die ehemalige DDR. Manches ist für mich Westling nicht zu greifen, nicht zu verstehen. Aber durch den immer wieder einfließenden sarkastischen Humor und kleine Seitenhiebe auf das system hatte ich immer beste Unterhaltung.

Fasziniert hat mich die exzellent sich ausdrückenden deutsche Sprache, die Else Buschheuer so gekonnt einsetzt, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollte. Sie hat mich auf eine ganz besondere Art und Weise beeindruckt, berührt und mit ihren tollen Bildern, die sie mit Worten zeichnet, meinen Blick auf Masserberg zu fesseln vermocht.

Wer hier einen alltäglichen Arztroman mit einer kleinen Romanze vermutet, der liegt absolut falsch. Obwohl gerade die Freundschaft eine große beeindruckende Rolle spielt. Und auch die Liebe, mag sie noch so kurz sein.

Ich bin mit Mel durch Höhen und Tiefen gegangen, habe über sie geschmunzelt und auch den Kopf geschüttelt. Schlussendlich aber hatte ich drei wunderbare, mich fesselnde Lesetage.

Else Buschheuer
Masserberg
Diana Verlag, München

ISBN 9783828400498

© Gaby Hochrainer, München 2018

Dienstag, 21. August 2018

Nicci French: Blauer Montag

Dieser Roman ist der erste aus einer neuen Reihe um die Psychiaterin Dr. Frieda Klein. In erster Linie geht es um vermisste Kinder, eine Konstellation, die bei britischen Autoren keine Seltenheit darstellt. Der Prolog schildert das Verschwinden der kleinen Joanna Vines. Ihre neunjährige Schwester sollte damals auf die Fünfjährige aufpassen. Doch zwanzig Jahre später verschwindet der kleine Matthew Faraday. Für die Polizei kein Anlass, hier einen Zusammenhang zu dem alten Fall zu vermuten. Nur Frieda Klein, die mehr zufällig einen neuen Patienten betreut, der ihr von seinen Träumen berichtet, bekommt ein komisches Bauchgefühl. Eigentlich darf sie nicht und soll sie nicht ermitteln, doch ihre eigene Neugier treibt sie an, ihren Gefühlen auf den Grund zu gehen.

Die Grundstory ist spannend, doch die Geduld der Leser wird arg strapaziert. Es passiert zu viel im privaten Umfeld der Protagonistin, was absolut gar nichts mit der Handlung zu tun hat. Es tauchen Kollegen, Liebhaber, Handwerker, Verwandte auf. Ihre Zahl ist schier unendlich. Doch wer soll sie sich merken, wenn sie nichts mit dem Kriminalfall zu tun haben? Die privaten Teile sind auch keine parallelen Stränge, sie führen nicht auf falsche Fährten. Sie halten den Leser zwar auf, den Kriminalfall zu verfolgen, aber in die Irre leiten sie ihn nicht.

Der tatsächliche Kriminalfall um die vermissten Kinder hingegen ist ein Strang, bei dem der Leser mit Überraschungen rechnen kann. Es geht zwar schnurgerade aus und manchmal meint man, den Täter bereits zu kennen. Aber man sollte bis zum Ende durchhalten.

Der Roman ist nicht der große Wurf, vielleicht waren meine Erwartungen auch zu hoch, aber er kann trotzdem gut unterhalten und hält für England-Fans Londoner Lokalkolorit bereit.

Nicci French
Blauer Montag
Penguin Verlag, München

ISBN 9783570100820

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018
Was sich bei edition oberkassel so tut:

Sonntag, 19. August 2018

Andreas Föhr - Eifersucht

Knifflig, ziemlich schräg und genial

Warum muss Rechtsanwältin Rachel Eisenberg gerade in dem Moment in Münchens größtem Biergarten, dem Hirschgarten, eine Pause einlegen, als eine Bekannte von ihr, Judith Kellermann, festgenommen wird. Natürlich bittet Judith, die ihren Lebensgefahrten in seiner Holzhütte in der Nähe von Straßlach in die Luft gesprengt haben soll, Rachel um ihren Beistand. Für die Rechtsanwältin, die das Mandat übernimmt, beginnt die Suche nach einem Täter, den niemand zu kennen scheint, und der sich auch vor einem weiteren Mord nicht scheut.

Genau wie eine eventuelle Zeugin fand ich den Fall anfangs "ziemlich schräg". Aber Andreas Föhr schafft es excellent alles so aufzudröseln und aufzulösen, dass ich mit dem Ende absolut überzeugt zurück geblieben bin. Der Fall strotzt nur so von falschen Verdächtigungen und Fährten, auf die auch ich mich immer wieder habe locken lassen. Ich habe es genossen, mich an Rachel anhängen zu können und gemeinsam mit ihr und einem Detektiv den kniffligen Fall bis zum Ende zu begleiten.

Der Spannungsbogen ist ab der ersten Seite sehr hoch, was sich bis zur Auflösung nicht ändert. Ber nicht nur die Spannung des Fales hat mich in Beschlag genommen, auch ein privates Geheimnis, dass Rachel seit fast 30 Jahren belastet, löst sich ganz langsam auf. Wie schrecklich muss es sein, nach der Tragödie, die sie erlebt hat, niemanden an seiner Seite zu haben.

Durch Rückblicke ins Jahr 2012 lerne ich die Angeklagte Judith näher kennen. Und es ist schon zu vermuten, dass das alles mit dem Hier und Heute zu tun hat. Aber es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, welche Zusammenhänge hier bestehen.

Rachel, ihre Tochter Sarah, ihren Mann Sascha, von dem sie getrennt lebt, aber die Kanzlei noch zusammen betreibt und einige andere Personen aus ihrem Umfeld kenne ich schon aus ihrem ersten Fall. Ich mag es sehr, wenn ich die Ermittler nicht nur beim ermitteln begleiten darf, sondern auch etwas aus ihrem Privatleben erfahre. Und auch hier stimmt für mich das Zusammenspiel zwischen dem Kriminalfall und dem Privaten.

Für mich ist es immer absolut spannend, wenn ich bei Ermittlungen in und um München herum teilnehmen kann. Da kenne ich mich größtenteils aus und mein Kopfkino beamt mich sofort zu den Stellen, die ich beim Lesen beschrieben sehe. Hier z.B. habe ich ein 12-stöckiges Hochhaus im Nachbarviertel direkt vor Augen. Bei solchen Büchern bin ich noch mehr mittendrin.

Ich bin mitgerissen worden, habe Rachel Eisenberg über die Schulter und dem eigentlichen Täter in seine Gedanken schauen dürfen. Ich wurde allerbestens unterhalten und wünsche mir bitte bald mehr davon.

Andreas Föhr
Eifersucht

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN  9783426654460

© Gaby Hochrainer, München 2018

Samstag, 18. August 2018

Gilly MacMillan: Bad Friends - Was habt ihr getan?

Erneut ein Thriller, der auf den britischen Inseln spielt. Abdi, Sohn somalischer Einwanderer, und Noah, Sohn eines britischen Kriegsfotografen und dessen Frau, sind beste Freunde. Die beiden Fünfzehnjährigen machen vieles gemeinsam. Doch dann werden sie auf einem Schrottplatz am Rande des Meeres gesehen. Sie stehen dicht beieinander auf dem Rand des befestigten Hafenbeckens. Noahs Atem geht schwer und er fleht seinen Freund Abdi wegen eines Gefallens an. Doch der geht auf Noahs Wunsch nicht ein. Im Gegenteil: Er will ihn davon abhalten, etwas Unüberlegtes zu tun. Dann ist Noah plötzlich verschwunden. Die Ermittlungen von Jim Clemo und seinem Team stecken fest. Abdi hat einen Schock erlitten und hat seitdem Schrottplatz kein Wort mehr gesprochen.

Unheimlich geschickt führt MacMillan ihre Leser an der Nase herum. Jede Handlung von Seite zu Seite scheint so plausibel zu sein, so selbstverständlich, dass man unwillkürlich denkt: Warum hat der Roman denn noch so viele Seiten? Es ist doch alles klar.

Doch diese Meinung muss man mehrmals revidieren und erst am Schluss wird klar, was tatsächlich geschehen ist. Dabei erfährt der Leser kaum mehr als Detective Inspector Jim Clemo. Durch die Verschachtelung der Handlung ist er dem maximal wenige Stunden voraus mit seinem Wissen.

Was die Privatsphäre des Ermittlers angeht, hält sich die Autorin ziemlich bedeckt. Zwar gibt es eine Schwester, deren Handlungsstrang tatsächlich rein privat ist, aber schon Clemos Psychotherapie, mit der der Roman startet, und seine Ex-Polizeipartnerin, die jetzt Kriminalreporterin ist, haben etwas mit den Ermittlungen um das Verschwinden Noahs zu tun. Gerade Clemos jüngste Vergangenheit führte dazu, dass er nach seinen letzten Fall zunächst wieder ganz sanft mit einem „Vermisstenfall" im Job einsteigen sollte. Dass das anders kommt, war ja auch für seine Chefin nicht absehbar, sondern nur für die Autorin Gilly MacMillan.

Spannung pur mit brisanten gesellschaftlichen Hintergrund. Top Empfehlung von mir.

Gilly MacMillan
Bad Friends - Was habt ihr getan?

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426522585

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018
Was sich bei edition oberkassel so tut:

Freitag, 17. August 2018

Victoria Fox - Der Mitternachtsgarten

Eine Reise in die Vergangenheit

Lucy Whittaker, die nach einem Skandal vor den Scherben ihres Lebens steht, würde London lieber heute als morgen verlassen. Da kommt ein Jobangebot aus der Toskana, wo sie als Hausmädchen arbeiten kann, gerade recht. In dem alten, abgeschiedenen Castillo Barbarossa angekommen lernt sie allerdings nur Adalina, die Assistentin der ehemals berühmten Schauspielerin Vivien Lockhart, kennen. Als sie ein altes Tagebuch findet, regt sich ihre Neugier und sie beginnt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Nach und nach kommt sie hinter ein Familiengeheimnis und einer Tragödie auf die Spur. Aber auch sie lässt ihre Vergangenheit lange Zeit nicht los.

Victoria Fox hat einen so anschaulichen, bildhaften und ausdrucksstarken Schreib- und Erzählstil, dass ich recht bald in der Geschichte drin und total gefesselt war. Da ich immer häppchenweise erfahre, was sich in Lucys und Viviens Vergangenheit abgespielt hat, bleibt der Spannungsbogen immer weit oben und straff gespannt.

Zwei Zeitebenen wechseln sich ab und erzählen durch Lucy ihre Geschichte, die mich nicht so ganz angesprochen hat, im hier und jetzt. Die Geschichte von Vivien dagegen im Rückblick auf die Vergangenheit ab 1972 empfinde ich als sehr interessant und spannend. Beide haben ihre ganz persönlichen Geschichten, die sich nach und nach vor mir ausbreiten.

Eine unheimliche, nahezu bedrohliche Stimmung beherrscht weite Teile der Geschichte und ich spüre beim Lesen, dass hier etwas Unheilvolles geschehen sein muss. Tiefe Abgründe tun sich auf und ganz langsam kommen Geheimnisse ans Licht, die ich so nicht erwartet habe. Ich kann vor allem mit Vivien mit leiden, mit ihr fühlen, mit fiebern, manchmal mit ihr lächeln, lese in ihren Gedanken und bin immer an ihrer Seite. Bis zum Schluss.

Die bildhaften wunderschönen Beschreibungen der toskanischen Landschaft habe ich genossen und sie wurde vor meinem inneren Auge gut sichtbar. Vor allem den gruseligen Fischmaul-Brunnen, der in der Geschichte eine tragende Rolle spielt, habe ich noch genau vor Augen.

Ein interessantes Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Frauen, ein spannendes und gut aufbereitetes Familiendrama, das mich zu weiten Teile gefesselt hat und bei dem ich manchmal auch gruselige Lesemomente hatte. Eine atmosphärisch dichte Geschichte mit einem traurigen, aber auch hoffnungsvollen Schluss, die ich gerne weiterempfehle.

Victoria Fox
Der Mitternachtsgarten

Aufbau Verlag, Berlin
ISBN 9783746633633

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 15. August 2018

Åsa Hellberg - Wir sehen uns im Sommer

Die seltsamen Wege des Lebens

Susanne, Maggan und Rebecka vermissen ihre Freundin Sonja, die nun schon sieben Jahre tot ist. Endlich wollen sie den letzten Wunsch ihrer Freundin erfüllen und ihre Asche an ihren liebsten Orten rund um die Welt verstreuen. In 10 Briefen und Filmen erfahren die Freundinnen von Sonjas tragischer Liebesgeschichte. Von diesem Geheimnis hatten sie keine Ahnung. Aufgeteilt in drei kleine Puderdosen machen sich die Freundinnen auf den Weg, erleben ihre Abeneuer und finden den Weg zu sich selbst.

Schon der Prolog liest sich so wunderschön und geht zu Herzen. Die Briefe, die Sonja an ihre Freundinnen schreibt, tun ihr übriges.

Der locker, leichte Schreib- und Erzählstil verhilft mir zu einem entspannten Lesen, so dass die Seiten nur so dahin fliegen. Es ist so schön dabei sein zu können, wie die drei Freundinnen noch enger zusammen wachsen und jede ihren Platz im Leben verteidigt bzw. sich neu einrichtet.

Susanne, die ihre Freiheit über alles liebt und sich nicht fest binden will; Maggan, die ihre Lieben alle um sich herum haben will und ihr neues Leben in Schweden genießt; und Rebecka, die sich in ihrer Trauer um ihren Mann vergrägt und von den Freundinnen gezwungen werden muss, mit auf die Reise zu gehen, kann ich mir so gut vorstellen. Ihre Vorzüge, ihre charakterlichen Eigenschaften und ihre Einstellungen zum Leben, das sie mit über 50 alle schon genossen haben, werden so detailliert geschildert und in die Geschichte eingebaut, dass ich mir manchmal nicht vorstellen konnte, dass drei so unterschiedliche Frauen sich so gut verstehen können. Aber gerade das macht Freundschaft aus. Dass man sich offen die Wahrheit sagen kann, dass man sich nicht immer anpassen muss und dass man für seinen Lebensstil und seine Meinung nicht verurteilt wird. Mit diesen drei Frauen wäre auch ich gerne befreundet. Das alles kommt hier in der Geschichte sehr gut rüber.

Von Mallorca über Australien, Hawaii auf die Lofoten. Von der Isle of Skye nach Haiti, New York, Paris. Ihre letzte gemeinsame Station ist dann wieder New York. Ich habe diese Reise mit den drei Frauen und ihren Männern, die natürlich auch eine Rolle spielen, sehr genossen.

Hier und da gibt es aber auch Stellen, die mir persönlich einfach zu ausführlich oder gar unnötig erscheinen. Da kommt für mich leider etwas Langeweile auf.

Ein wunderbarer leichter Sommerroman voller Emotionen, gute als auch schlechte Gefühle, über Freundschaft, Liebe und das Leben an sich. Ein Roman, der beschreibt, dass Freundschaft und Liebe stärker sein können als der Tod.



Åsa Hellberg
Wir sehen uns im Sommer

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783548290829


© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 12. August 2018

Astrid Korten - Gleis der Vergeltung

Unglaublich und erschütternd

Lynn-Elisabeth von Raaben und Benedikt Hallbach wollen die Gäste zu ihrer Hochzeit am 06. Mai 2010 schockieren. Sie planen, anstatt mit einer weißen Limousine mit einem Roller beim Standesamt vorzufahren. Doch zu dieser Hochzeit soll es nicht kommen. Benedikt verunglückt auf dem Weg zu seiner Braut tödlich.

Sieben Jahre später meldet sich bei Lynn eine Frau, die den Unfall gesehen haben will. Sie behauptet, es sei kein Unfall gewesen und sie kenne die beiden Männer und die Frau, die für den Tod von Benedikt verantwortlich seien.

Und Lynn, die seit damals in einem Loch der Trauer gefangen scheint, entwirft zusammen mit genau dieser Frau einen entsetzlichen Racheplan. Dabei merkt sie nicht, dass sie zum Spielball in einem perfiden Spiel wird.

Das Interesse für dieses Buch hat schon das Cover geweckt. Es zieht mich magisch an und ich habe mich gefragt: Was hat es mit der jungen Frau im Brautkleid auf den Gleisen auf sich?

Der Einstieg ins Buch war für mich nicht ganz einfach. Ich musste mich erst auf die verschiedenen Zeitebenen und den unterschiedlichen Schauplätzen zurecht finden. Das ist mir aber schnell gelungen. Jedes Kapitel wird mit Namen eingeleitet, so dass ich immer genau weiß, um wessen Geschichte es sich hier gerade handelt.

Astrid Korten hat es sehr schnell geschafft meine absolute Aufmerksamkeit auf die Geschichte zu lenken, mich regelrecht an das Buch gefesselt und darin gefangen. Schnörkellos und ohne Wertung erzählt sie von einer nach aussen scheinbar tadellosen Familie, von Scheidungskrieg, von Demenz, von sexuellem Missbrauch und sie lässt mich tief in die Seelen und Abgründe der Protagonisten schauen.

Die gesamte Geschichte dreht sich hauptsächlich um Benedikt und um die Rache, mit der sich Lynn auseinanderzusetzen hat, bis sie merkt, dass sie gerade wieder zum Opfer wird. Dazu kommen diverse Nebenschauplätze, die sich alle lückenlos und nachvollziehbar in die Hauptgeschichte einfügen.

Die Protagonisten sind so detailliert beschrieben, dass ich sie mir sehr gut vorstellen kann. Die Autorin macht es mir leicht, mich auch in das Gefühlsleben der meisten Personen hinein denken zu können. Manches ist allerdings so ungeheuerlich, dass es wirklich kaum zu glauben ist. Schlimm wird es für mich immer dann, wenn ich mir vorstelle, dass dies alles auf einem wahren Kriminalfall beruht. Da stockt mir immer wieder der Atem und auf meinen Armen stellen sich die Haare auf.

"Gleis der Vergeltung" macht mich sprachlos, geht mir unter die Haut, berührt mich sehr und wird mich noch lange beschäftigen. Und ich hoffe, dass sich noch viele Leserinnen und Leser diesem immer noch totgeschwiegenen Thema annehmen und das Buch lesen werden.

Meine absolute Leseempfehlung für das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe!



Astrid Korten
Gleis der Vergeltung

Selfpublishing
ISBN 9783752861693


© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 10. August 2018

C.J. Tudor - Der Kreidemann

Ein Thriller der leisen Töne

Es geht sehr fröhlich zu auf der Kirmes im südenglischen Städtchen Anderbury. Bis sich plötzlich aus einem der Fahrgeschäfte eine Gondel löst und herum fliegende Eisenteile einem Mädchen das halbe Gesicht weg reißen. Zusammen mit einem großen, bleichen, hageren Mann bleibt der 12-jährige Eddie Adams bei ihr bis der Krankenwagen sie abholt. Der Mann, den Eddie dort kennengelernt hat, ist ein neuer Englischlehrer an seiner Schule und er zeichnet mit Kreide. Von ihm schauen sich Eddie und seine Freunde Hoppo, Metal Mickey, Fat Gav und Nicky bunte Strichmännchen ab, die sie ab jetzt als Erkennungs- und Geheimzeichen nutzen. Bis weiße Strichmännchen die Clique eines Tages zu einer weiblichen Leiche führen.

Als Eddie und seine Freunde von damals 30 Jahre später Mitteilungen mit weißen Strichmännchen erhalten, wir die Vergangenheit für sie wieder lebendig und zwingt sie, sich damit auseinander zu setzen.

Die Geschichte, erzählt auf zweit Zeitebenen: einmal die Ich-Erzählebene des 12-jährigen Eddie in der Vergangenheit und einmal die des 42-jährigen Ed in der Gegenwart.

Der Prolog beginnt sofort sehr spannend und reißt mich gleich mitten hinein in die Geschehnisse in Anderbury 1986. Ab dem anschließenden Jahr 2016 wird es allerdings etwas ruhiger, gemächlicher, spannend bleibt es allerdings bis sich endlich alle Fragen klären und sich alles schlüssig und glaubhaft auflöst.

C.J. Tudor erzählt die Geschichte von Eddie, seinen Freunden und ihren Familien sehr lebendig, flüssig und leicht zu lesen. Die doch sehr unterschiedlichen Charaktäre schieben sich mit ihren Besonderheiten, Ecken und Kanten bildhaft, präzise und sehr gut vorstellbar vor mein inneres Auge. Ich finde es interessant, die Kinder und z.T. auch ihre Eltern sowohl 1986, als auch 2016 kennenzulernen und ihre Schicksale und ihren Werdegang beobachten zu können. Dabei kommt immer mehr zum Vorschein, was bei den Bewohnern in der Kleinstadt im Verborgenen liegt. Nach und nach kommt einiges ans Tageslicht, was eigentlich im Dunkeln bleiben sollte. Und so langsam formt sich ein Bild, bei dem erst ganz zum Schluss klar wird, was und warum sich einiges so verhält, wie es nun aufgedeckt wird.

Auch die Umgebungen und die besonderen Ort, die hier angesprochen werden, werden klar und deutlich geschildert und ich fühle mich in Anderbury auf der Kirmes oder im dicht bewachsenen Wald mittendrin.

"Der Kreidemann" hält nur wenige blutige Stellen für mich parat, was meinem Lesegeschmack sehr entgegen kommt. Die Geschichte ansich ist eher ruhig und man meint, sie plätschert einfach so dahin. Dabei fesselt sie trotzdem. Dann gibt es nicht zu erklärende Umstände, gruselige und unheimliche Szenen und Begegnungen, die es mir richtig schwer gemacht haben, das Buch mal zur Seite zu legen. Die Cliffhänger nach jedem Abschnitt tun ihr Übriges.

Obwohl ich mir von dieser Geschichte etwas ganz anderes erwartet hatte, bin ich absolut begeistert. Die Autorin versteht es gekonnt, leise Töne mit Hintergründigem zu vermischen. Sie lässt Gänsehaut entstehen und sät immer wieder Zweifel an dem Gelesenen.

Wer es mag die verschiedensten Geheimnisse zu ergünden, mit den Protagonisten auf Spurensuche in der Vergangenheit und der Gegenwart zu gehen und sich nicht scheut auch mal in Abgründe zu schauen, der ist hier genau richtig.



C.J. Tudor
Der Kreidemann

Goldmann Verlag, München
ISBN 9783442314645               


© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 8. August 2018

Heike Meckelmann - Küstendämon

Frauen in Angst

Auf Fehmarn geht nicht nur bei Frauen die Angst um. Nachdem die Fotografin Mara tot im Staberforst gefunden wurde, gibt es eine neue Vermisstenmeldung. Sophie Larsen meldet sich seit einigen Tagen nicht mehr und bei ihrer Freundin in Hamburg, die sie besuchen wollte, ist sie auch nicht aufgetaucht. Den Kommissaren Dirk Westermann und Thomas Hartwig von der Kripo Oldenburg läuft die Zeit davon. Und obwohl sie Tag und Nacht ermitteln, ist kein Land in Sicht. Als eine weitere Tote gefunden wird, beginnt sich ganz langsam ein Muster herauszukristallisieren. Werden Sie Sophie finden, bevor der Mörder erneut zuschlägt?

Ich habe den Kommissaren schon bei ihrem letzten Fall "Küstenschatten" über die Schulter geschaut und mit ermittelt. Daher kenne ich die meisten Handelnden hier schon. Besonders auf Katrin, die Freundin von Kommissar Westermann und ihre Tante Charlotte Hagedorn habe ich mich sehr gefreut. Charlotte, die es nicht lassen kann und ihre Nase überall reinstecken muss, gefällt mir sehr. Auch in diesem Fall ist sie mit ihrer Kamera unterwegs und kann den ein oder anderen Tipp geben.

Auch in die Gedanken und das Tun des Täters, der sich hier Josephine nennt und ihren weiblichen Opfern unsägliche Schmerzen zufügt, bekomme ich immer wieder kurze Einblicke. Nichts für schwache Nerven.

Auch diesmal haben mich die Beschreibungen der Insel und ihrer Bewohner fasziniert. Man merkt, dass sich die Autorin dort auskennt und eine echte "Inselratte" ist, die ihr Fehmarn liebt. Ich bekomme direkt Lust, diese Ostseeperle auch einmal zu besuchen.

Was mich diesmal etwas gestört hat, waren etliche Rechtschreibfehler, die meinen Lesefluss immer wieder unterbrochen haben. Vielleicht sollte man die für eine evtl. Neuauflage ausmerzen.

Spannung von Anfang an, ein Fall, der die Kommissare an ihre Grenzen bringt, ein guter Schuss Lokalkolorid und ein toller Showdown. So muss ein guter Krimi sein.

Heike Meckelmann
Küstendämon

Gmeiner Verlag, Messkirch
ISBN 9783839222300

© Gaby Hochrainer, München 2018

Dienstag, 7. August 2018

James Oswald: Am Anfang die Schuld

In diesem soliden Schottland-Thriller beginnt es fast harmlos. Den Mitgliedern der Sexual Crime Unit (SCU, deutsch umgangssprachlich Sitte) wurde ein Tipp zu einem Bordell gegeben. Sie machen eine Razzia. Doch was müssen sie feststellen? Es ist kein Bordell, sie stören eine private Party. Das ist mehr als peinlich. Tony McLean möchte herausfinden, wer den Tipp gegeben hatte und warum seine Einheit in eine Falle gelockt wurde. Doch seine Chefs wollen, dass er die Sache so schnell wie möglich abschließt und alles zu den Akten legt. Ihnen kann das Unter-den-Teppich-kehren gar nicht schnell genug gehen.

Die Story dieses Romans ist gut gebaut. Neben der Haupthandlung um die Ermittlungen der Polizei gibt es in kurzen Kapiteln den Blick auf zwei Täter, die aus nicht erkennbarer Ursache auf einer Mordsreise sind. Daneben nimmt das Privatleben des Protagonisten einen nicht gerade kleinen Teil ein und auch in diesem Part kann sich der Leser auf eine Überraschung freuen. Wie auch in vielen anderen Krimis und Thrillern wird die Arbeit der Ermittler von den unfähigen Kollegen und Vorgesetzten bombardiert. Hier ergibt sich stets die Frage, wann dem Protagonisten endlich der Kragen platzt. Es bleibt spannend. Und schließlich gibt es offenbar einen Zusammenhang der aktuellen Morde mit welchen aus der Vergangenheit. Obwohl eine neu gegründete cold cases Einheit wohl eher dafür geschaffen wurde, um die alten Fälle weiterhin ruhen zu lassen, scheint keiner mit der Verquickung in der Gegenwart gerechnet zu haben.

Ein Roman, der Überraschungen bereithält und bis zum Schluss spannend bleibt. Und doch hat er Passagen, die nicht glaubwürdig sind. Das hat mich am ehesten gestört. Um nicht zu spoilern, werde ich an dieser Stelle nicht zu viel erzählen. Aber das jemand, der ein Messer in der Brust hat, dieses herauszieht und den Spieß umdreht, erscheint abwegig. Ebenso die Methode, wie gemordet wird und das eine Zeugin den Protagonisten beinahe vergewaltigt.

Sehr angenehm hingegen sind dann wieder die privaten Passagen mit Tonys Katze namens Mrs McCatcheons Katze. Ich spüre sie heute noch um meine Beine schnurren.

Ein guter Thriller, der noch mehr Potenzial hätte, wenn die oben genannten Passagen glaubwürdiger wären. Gut unterhalten hat er mich alle mal.

James Oswald
Am Anfang die Schuld
Aus dem Englischen von Conny Lösch

Goldmann Verlag, München
ISBN 9783442485598

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018
Was sich bei edition oberkassel so tut:

Sonntag, 5. August 2018

Paula Lambert - Paula kommt

Jetzt weiß ich (fast) alles über Sex

Susanne Frömel kenne ich als Paula Lambert aus der ZDFKultur-Serie Im Bett mit Paula, wo sie sich mit verschiedenen Promi-Männern über Sex ausgetauscht hat. Auf SIXX läuft immer noch Sex und Gute-Nacktgeschichten, die ich mir hier und da mal anschaue. Da wollte ich dieses Buch unbedingt lesen.

Es ist in meinen Augen auch kein Sachbuch, sondern eine Auflistung verschiedenster Fragen aus dem sexuellen Bereich, die Paula, manchmal mit einem Augenzwinkern, beantwortet. Ausserdem finde ich, dass die Zielgruppe dieses Buches eher die Frauen sind. Die Männer kommen hier etwas zu kurz, finde ich.

Das Buch ist in 3 Teile gegliedert:

1. Die Basics – gut zu wissen - da ist vieles dabei, was man schon weiß, aber man kann auch hier noch was lernen.

2. Sextechniken – wie geht das auch hier gibt es das ein oder andere, was ich noch nicht wusste bzw. kannte

3. Normal? Normal! - was ist schon normal da habe ich mich gefragt: Sind wir wirklich so verklemmt, wie wir hier manchmal dargestellt werden? Oder ist das nur die Eisbergspitze?

Unter diesen drei Rubriken wird alles behandelt, was ich schon immer über Sex wissen wollte – oder auch nicht.

In ihrer lockeren, offenen und ehrlichen Art schreibt sie über die verschiedensten Themen, die Frau interessiert. Beantwortet Fragen, bei denen ich manchmal denke: Weiß die das wirklich nicht? Oder sind wir wirklich heute noch so gehemmt? Paula gibt Tipps, verrät kleine Tricks und versteht es mit dem ihr eigenen Humor, dass dies in keinen Fall peinlich oder ordinär wirkt.

Besonders gut haben mir die kleinen Geschichten gefallen, die Paula am Set zu ihrer TV-Sendung passiert sind und von denen sie hier erzählt. Man glaubt es kaum – es gibt nichts, was es nicht gibt – einfach herrlich

Durch die kurzen übersichtlichen Kapitel kann man dieses Buch auch einfach immer mal zwischendurch aufschlagen.

Paula kommt – das ehrlichste Sex-Buch der Welt – für jung und alt – mir hat es teils lehrreiche, teils unterhaltsame Stunden gebracht.



Paula Lambert
Paula kommt

Gräfe und Unzer Verlag
ISBN 9783833863974


© Gaby Hochrainer, München 2018

Samstag, 4. August 2018

Jennifer Haigh: Licht & Glut

Der vorliegende Roman ist ein großartiger Gesellschaftsroman, der in den ländlichen Gegenden der USA, genauer gesagt in Pennsylvania spielt.

Haigh hat sich eines Themas angenommen, das ich ansonsten nur von T. C. Boyle erwarte. Sie beschäftigt sich mit aktuellen gesellschaftlichen Prozessen. Dabei bedient sie sich der Problematik der Gas-Energiegewinnung mittels Fracking.
Die Kleinstadt Bakerton hatte schon bessere Zeiten erlebt, es gab mal sehr viel Bergbau. Der Bergbau hatte die Menschen dieser Gegend ernährt und für Wohlstand gesorgt. Doch dann wurde er eingestellt und es ging bergab. Die hier lebenden Menschen wurden ärmer und ärmer. Da taucht plötzlich ein texanischer Energiegigant auf und verspricht den Landbesitzern eine riesige Menge Geld. Sie müssten ihr Land nicht einmal verkaufen, sondern lediglich die Bohrrechte übertragen und kassieren daraufhin an den geförderten Gasmengen auf ihrem Land. Für viele hört sich das sehr lukrativ an, außerdem würden auch wieder Arbeitsplätze geschaffen. Doch viele Nachbarn zweifeln auch daran, dass so schnell Geld gemacht werden kann. Als dann die Bohrtrupps anmarschieren, wird die Naivität und Gier eines großen Teils der Bevölkerung sichtbar. Das Grundwasser wird kontaminiert, die Arbeiten werden von texanischen "Gastarbeitern" durchgeführt.

Haigh erzählt die Geschichte anhand ihrer Figuren. Langsam und bedächtig präsentiert sie dem Leser eine Figur nach der anderen. Dabei stehen die einzelnen Familien für die einzelnen Stränge in der Handlung. In der gegenwärtigen Handlung bekommt man die Probleme des Fracking aus verschiedenen Perspektiven (Gegner, Befürworter und Neutrale) geschildert. Damit man versteht, warum jemand gegen oder für das Fracking ist, welche Gründe dazu führten, werden immer wieder Rückblenden auf das Geschehen in diesen Familien geboten. Man lernt so viele verschiedene Menschen kennen, und man erfährt als Leser, dass es schwer wird, sich auf eine Seite zu stellen.

Der Roman fesselt durch die Schilderung eines Themas, welches beispielhaft für so viele Probleme in der heutigen Gesellschaft steht.

Jennifer Haigh
Licht & Glut
Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426305942

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018
Was sich bei edition oberkassel so tut:

Freitag, 3. August 2018

Sabine Kornbichler - Der letzte Gast

Mia Kaminski - die etwas andere Ermittlerin

Maria-Antonia "Mia" Kaminski, 34, verdient sich in München als Dogwalkerin ihren Lebensunterhalt. Berna Kiening, 69, eine ihrer Kundinnen mit Pudel Coco beabsichtigt wegen ihrer unheilbaren Nervenkrankheit in 14 Tagen in der Schweiz ihrem Leben ein Ende setzen zu lassen. Ihre Schwester, ihre beiden Neffen und ihre Nichte versuchen alles um ihr diese Idee auszureden. Wollen sie evtl. sogar entmündigen lassen. Die kommenden 2 Wochen will Berna nun noch nutzen um sich von Freunden zu verabschieden und noch einmal die Stellen aufsuchen, die ihr besonders am Herzen liegen. Doch dann ist Berna tot, stranguliert, und das kurz nachdem sie sich an der Haustür, wie Mia es scheint, endgültig von ihr verabschiedet hat. Mia stellt die letzten Worte von Berna an sich infrage und versucht auf eigene Faust den Mörder ausfindig zu machen. Hat der machtbesessene und skrupellose Neffe Nikolai Nawrath etwas mit dem Tod der alten Dame zutun? Oder liegt es an dem Testament, das zur Unterschrift beim Notar bereit liegt? Die Beweislage scheint eindeutig, aber Mia bekommt immer mehr Zweifel und merkt bei ihren "Schnüffeleien" nicht, wie sie sich selbst immer wieder in Gefahr bringt.

Der Kriminalfall, den mir Mia aus ihrer Sicht in allen Einzelheiten schildert, scheint eindeutig. Der Beschuldigte hat ein Motiv, die Indizien sind eindeutig, aber sie hat ihre Zweifel. Und die begleiten sie und mich durch einige Wendungen bis zur endgültigen Auflösung. Spannungsgeladen ab der ersten Seite, unterbrochen durch die Schilderungen der Hunde, die Mia betreut und von denen einer eine ganz besondere Rolle hier spielt, düse ich nur so durch die Seiten. Ich bin mit Mia ohne es zu wissen immer mal wieder ganz nahe am Mörder dran. Was mich zum Schluss sogar etwas erschreckt hat. Hier am Ende löst sich alles sehr real auf und ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist.

Ich finde es toll mit Mia mal einer ganz anderen Art von Ermittlern zu begegnen. Sie reagiert oft so ganz anders als ich es z.B. von den beiden Kriminalermittlern, die hier auch tätig sind, gewohnt bin. Was aber auch dafür sorgt, dass ich oft denke: So doch nicht Mädel. Aber sie macht ihre Sache im Großen und Ganzen sehr gut. Ich habe sie mit ihrer aufrichtigen, gradlienigen und herzlichen Art sofort ins Herz geschlossen. Genau so wie Greta, eine Dame, die mit ihrer Tochter in der Wohnung über ihr wohnt. Warum, das werdet ihr beim Lesen sehr schnell heraus bekommen. Und natürich die Hunde, mit denen ich durch den Englischen Garten und am Eisbach entlang streife und die den Kriminalfall etwas auflockern.

Auch die anderen Protagonisten kann ich mir gut vorstellen und meine Sympathien bzw. Antipathien, die es auch gibt, sind schnell verteilt.

Die bildhaften Beschreibungen, die immer wieder vorkommen, tragen dazu bei, dass mein Kopfkino ständig routiert.

Das die Geschichte in München spielt hat mich von daher fasziniert, dass ich alle Wege, die Mia mit ihren Hunden oder mit Greta geht, im Geiste mit gehen kann. Denn hier kenne ich mich aus. Da macht mir das Lesen noch einen Tick mehr Spaß. Und als Nicht-Münchner bekommt man den Beschreibungen z.B. vom Odeonsplatz oder dem Hofgarten bestimmt Lust, sich das auch mal anzuschauen.

Was meinen Augen aufgefallen ist, ist die vergleichsweise große Schrift, die sie als sehr angenehm empfunden haben.

Zum Schluss noch ein Zitat, das mir sehr gut gefallen hat: „Das Leben meisterst du nur, wenn du schwimmst, nicht, wenn du alles nur vom Beckenrand aus beobachtest.“

Spannende Unterhaltung, ein Kriminalfall bei dem ich mittendrin bin und miträtseln kann und ein Schreibstil, der mich an die Seiten fesselt – das alles hat dieser wieder sehr gute Kornbichler-Krimi.




Sabine Kornbichler
Piper Verlag, München
ISBN 9783492061063


© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 1. August 2018

Patricia Koelle - Wo die Dünen schimmern

Jessieanne Jessen ist 26, eine Künstlerin die Windräder aus den verschiedensten Materialien entwirft und baut, die eine ganz besondere Gabe hat: sie nimmt Gerüche als Farben wahr und kann sie sehen. Ihr Traum ist es eine Körperlotion herzustellen, die nicht nur der Haut, sondern auch der Seele gut tut, die neue Lebenskraft und Optimismus bringt.

Als Kind hat sie ihre Leukämie erfolgreich bekämpft und nun bereiten ihr ihre Bronchien und die Lunge große Probleme. Ihr Vater Pinswin, ein anerkannter Archäologe und Paläontologe, schickt sie auf die Nordseeinsel Amrum, wo er geboren und aufgewachsen ist, um sich auszukurieren. So sehr Jessieanne sich anfangs dagegen wehrt, so schnell findet sie dort ihre "andere, zweite" Familie und auch ihr Herz wird auf eine harte Probe gestellt.

Der rote Faden, der sich durch die Geschichte zieht gehört zum einen Jessieanne, die ich in den Jahren 2004 bis 2005 begleite, andererseits zu ihrem Vater Pinswin, den ich heute genau so bei seinen Ausgrabungen begleite, wie ab 1943, als er als 8-jähriger wissbegieriger kleiner Junge, der seine Leidenschaft für die Erde und alles was sich darin verbirgt entdeckt, die er später zum Beruf macht.

Dazu kommen viele kleine Geschichten, die sich nicht nur um heitere Themen drehen, wie die schwere Erkrankung von Jessieannes älterer Freundin Katriona, die riesige Strandläufer baut. Ich habe mich eigentlich nie für die Geschichte unserer Erde und die vielen Versteinerungen interessiert. Aber hier wird das alles so leicht und flüssig in die Geschichte eingewoben, dass es sogar für mich richtig interessant wurde.

Dies ist eine der ganz wenigen Geschichten, bei denen mir keine Person, und davon gibt es hier sehr viele, richtig unsympathisch war. Sie haben alle ihre Ecken und Kanten, sind zumeist detailliert und menschlich beschrieben, und ich habe die meisten richtig lieb gewonnen. Ganz besonders ans Herz gewachsen ist mir Skem, ein Großonkel von Jessieanne. Aber den solltet ihr beim Lesen selbst kennenlernen.

Anfangs hatte ich mit den aussergewöhnlichen Namen (Jessieanne, Katronia, Pinswin, Skem) meine Probleme. Aber das hat sich beim Lesen schnell gelegt.

Ich habe auch ein neues Ziel gefunden, wohin ich unbedingt einmal reisen muss: die Insel Amrum. Ich kann jetzt noch das Salz des Meeres riechen, sehe den Strandhafer sich im Wind wiegen, fühle den starken Wind in meinen Haaren und schaue auf das endlos blaue Meer. Alles ist so nebensächlich, aber trotzdem beeindruckend beschrieben. Mein Kopfkino lief die ganze Zeit auf Hochtouren.

Gerade auch die Sprache, die dieses Buch prägt, gefällt mir sehr gut. Patricia Koelle zeichnet für einfache Worte wunderschöne einprägsame und farbige Bilder. Wie ein Sog zieht mich die Geschichte und die Menschen langsam immer tiefer in sich hinein.

Mit einer Nadel werden zwischendurch immer wieder Rezepte eingepickt, die mir während des Lesens schon das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

Eine ruhige, nicht immer leichte Geschichte über Menschen, die ihre Träume leben. Ich habe sie sehr gerne gelesen und wurde zum Träumen verführt.

Patricia Koelle
Wo die Dünen schimmern

S. Fischer Verlag, Frankfurt/ Main
ISBN 9783596297634

© Gaby Hochrainer, München 2018