Mittwoch, 30. Mai 2018

Brina Stein - Jahresausklang in Travemünde

Wiedersehen an der Ostseeküste

Rosi und Rita, die beiden Landfrauen aus Wülferode, feiern in diesem Jahr zusammen mit ihren Bekannten dem ehemaligen Pastor Josef und Hans-Hugo Weihnachten und Silvester im Ostseeheilbad Travemünde. Aber es werde keine lockeren Urlaubstage, denn die beiden Frauen müssen zusammen mit Ute, die schon bei ihrem Kalli an der Ostseeküste lebt, die kleine Kneipe "Das Bootsdeck" von Inge retten. Die will ein Investor für das Projekt Waterkant platt machen. Ausserdem wird Rita mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Und dann verschwindet auch noch der zukünftige Bräutigam ...

Es ist so schön, die alten Bekannten, die ich schon beim Jahresausklang auf Sylt kennengelernt habe, hier wiederzutreffen. Diesmal sind wir also an der Ostsee in Travemünde. Bei ihren Beschreibungen der Stadt und der Menschen merkt man, dass sich die Autorin hier auskennt und wie sehr ihr dieses Fleckchen Erde am Herzen liegt. Alles wird so lebendig und liebevoll beschrieben, dass sich während des Lesens bei mir wieder mal die Reiselust ausbreitet.

Ich sehe Josef und Rita, Hans-Hugo und Rosi und Ute und Kalli in dem kleinen Siedlungshäuschen sitzen und mit Kartoffelsalat und Würstl Weihnachten feiern.

Gerade die 6 Menschen mit ihren Ecken und Kanten, aber vor allem mit ihrer unbändigen Lebensfreude haben sich von Anfang an in mein Herz geschlichen.

Eine besonders schöne Stelle fur mich, ist die kurze Begegnung von Josef und Hans-Hugo auf dem Friedhof. Die Bemerkung von Josef "Wir leben im Hier und Jetzt" ist so wahr. Und mit diesen wenigen Worten ändert sich auch in Hans-Hugo etwas. Aber lest selbst.

Die wenigen plattdeutschen Sätze von Kalli geben der Geschichte das norddeutsche Flair. Von mir aus könnte es auch noch etwas mehr plattdütsch sein. Doch das mag ja Ute gar nicht.

Zwischendrin teilt mir das Möwenpärchen Mecki und Kraki aus luftiger Höhe ihre Sicht auf die Dinge mit, die sich da am Travemünder Boden abspielen. Die Beiden gehören zur Geschichte wie die Wellen und der Salzgeruch der Ostsee.

Wer locker-leichte Unterhaltung mit einem Schuss Krimi sucht, der ist hier genau richtig. Ein absolutes Wohlfühlbuch im einem kleinen Schuss Spannung. Ich freue mich schon, wenn ich alle zusammen im Sommer auf Sylt wiederlesen werde.

Brina Stein
Jahresausklang in Travemünde

el Gato Verlag, Berlin
ISBN 9783946049227

© Gaby Hochrainer, München 2018

Dienstag, 29. Mai 2018

Katja Maybach: Der Mut zur Freiheit

Mittelpunkt dieses drei Generationen umfassenden Romans sind Margarita, ihre Tochter Valentina sowie ihre Enkelin Olivia. Zu Beginn des 20 Jahrhunderts wird Margarita von ihrem Vater aus dem Haus vertrieben. Das geschieht, weil sie sich mit einem Burschen ihres Alters eingelassen hatte, der dem Vater nicht gefiel. Margarita ging in die große Stadt und Schritt mutig durch das Leben. Aber es wurde kaum einfacher oder leichter für Sie, denn im katholischen Spanien, wo der Roman spielt, waren unverheiratete Mädchen nicht gern geduldet. Besonders dann nicht, wenn sich herausstellte,  dass sie ein Kind erwarteten. Ihrer Tochter Valentina ging es einige Jahre später kaum besser. Auch sie bekam eine Tochter, deren Vater die Mutter hat sitzen lassen. Olivia ist Star der damaligen Zeit als Tänzerin. Ihre Berühmtheit setzt sie für den Schutz von Tieren ein. Doch als sie sich so auch gegen den Stierkampf in Spanien wendet, wendet sich die Meinung des Volkes gegen sie. Denn Stierkampf ist zum Ende des zweiten Weltkrieges eine so verfestigte Nationaltradition, dass man einfach nichts dagegen sagen darf.

In wechselnden Kapiteln erfahren die Leser vom Leben der drei Frauen. Sie haben zwar alle beruflich Erfolg, aber privat steht es nicht zum allerbesten. In Sachen Liebe wirken alle etwas glücklos. In einem ruhigen Erzählton schildert Katja Maybach die Schicksale der Frauen. Sie fesselt die Leser mit den eigentlich auch drei Liebesgeschichten, weil natürlich nichts in Stein gemeißelt bleibt. Es gibt Veränderungen in beruflicher Hinsicht und es gibt Veränderungen im Liebesleber dieser Frauen. Wie jedes dieser Details ausgeht, kann die Leser fesseln. Jedenfalls hat es bei mir seine Wirkung nicht verfehlt. Ich wollte wissen, ob sie alle drei zum Ende hin glücklich werden oder nicht. Ich wollte wissen, wie sich ihr Weg gestaltet.

Der Roman spielt in einer Zeit und einem Land, was ich nicht aus eigenem Erleben kenne. Darauf hatte ich mich im Vorhinein besonders gefreut. Doch in Sachen historische Zeit wurde ich enttäuscht. Mir waren viele Formulierungen zu modern, ich konnte mir manche Situationen nicht so in der Zeit der 1940er Jahre vorstellen. Beispielsweise wie selbstverständlich Mutter und Großmutter sich am Flughafen bewegen. Jemanden von dort abholten. Natürlich gab es Flughäfen und Olivia war ein großer Star, die sicherlich so auch nach New York hätte fliegen können. Doch die Selbstverständlichkeit, mit denen sich die Figuren hier bewegen, entspricht eher der jetzigen Gegenwart. Ähnlich verhält es sich mit dem Telefonieren. Ich glaube nicht, dass die Menschen in den 1940er Jahren so selbstverständlich zum Telefon greifen konnten, wie es hier den Anschein hat.

Die Geschichte um die drei Frauen ist spannend erzählt, gibt Einblick in unterschiedlichste Lebenssituationen und macht Spaß, hinterlässt leider auch einen kleinen Beigeschmack.

Katja Maybach
Der Mut zur Freiheit

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426520086

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Sonntag, 27. Mai 2018

Detlef Dreßlein / Laila Kühle - Ich habe mich versehentlich auf den Staubsauger gesetzt

Was es nicht alles gibt ...   Aberwitzige Sex-Unfälle

Es ist schon erstaunlich, was einem beim Sex alles passieren kann. Ich hätte nicht gedacht, mit welchen "Unfällen" sich die Notaufnahmen befassen müssen. Ich hätte aber auch nicht vermutet, dass es Menschen gibt, die eine solche Fantasie besitzen – und diese dann auch ausleben. Anscheinend sind diese Spielchen aber gar nicht so selten und enden hier und da auch tödlich.

Ich wusste manchmal nicht, soll ich lachen oder soll ich den armen Tropf jetzt bedauern. Ich schwankte zwischen Abscheu und Schadenfreude, zwischen Unglauben und Gänsehautfeeling. Wenn ich mir die Liste mit Dingen anschaue, die schon einmal aus einer Vagina, dem Rektum oder der Harnröhre geholt wurden, bleibt mir die Luft weg.

Ein wunderbares Buch zu einem seltenen, für mich etwas abartigen Thema, das man immer mal wieder zur Hand nehmen kann um genau so verständnislos zu reagieren wie beim ersten Lesen.

Ein Interview mit Dr. Martin Authenrieth, Oberarzt der Urologie am Universitästklinikum rechts der Isar in München rundet diese Absurditten ab.

Detlef Dreßlein / Laila Kühle
Ich habe mich versehentlich auf den Staubsauger gesetzt

mvg Verlag, München
ISBN 9783868826982

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 25. Mai 2018

Wolfram Fleischhauer - Drei Minuten mit der Wirklichkeit

Tango und Mathematik

Giulietta Battin lebte von klein an für den klassischen Tanz. Von Papa Makus gefördert, von Mutter Anita gebremst, sucht die 18-jährige nach ihrem Ballettschulenabschluss nach einem festen Engagement. Durch den Tanz lernt sie den 23-jährigen Argentinier Damian Alsina "el loco" – den Verrückten kennen – und lieben. Als sie eines abends ihren Vater gefesselt von Damian in ihrer Wohnung findet und Damian verschwunden ist, fliegt sie ihm nach Argentinien hinterher ...

Wolfram Fleischhauer hat es von Beginn an geschafft mich in die Geschichte hinein zu ziehen und zu fesseln. Ich tauche ein in die mir bisher fremde Welt des Ballett und des Tango, sehe mich wie Giulietta an einem kleinen Marmortisch sitzen und zwei Tangotänzern, die eine Geschichte erzählen, beim Tanz zuschauen. Durch Damians Augen habe ich mein Deutschland aus seinem Blickwinkel sehen dürfen und es war spannend zu lesen, wie er uns und unser Land sieht.

Guilietta habe ich mit ihren Zweifeln und ihrer Suche nach sich selbst sofort ins Herz geschlossen. Ihrem Vater Markus haftet von Anfang an etwas Verstecktes an, das ich nicht reifen kann. Im Verlauf der Geschichte wird mir zu ihm alles viel klarer. Aber erst die vielen anderen handelnden Personen, mögen sie auch noch so unbedeutend scheinen, machen die Geschichte richtig rund und vollkommen. Das habe ich bisher selten in einem Buch so gespürt.

Ich darf mit Guilietta nach Argentinien reisen und erfahre Vieles über die jüngere Geschichte des Landes, über die Beziehung zwischen Deutschland und Argentinien, über die Militärdiktatur. Und es macht mich wütend und ich bin entsetzt wenn ich lese, was sie mit den Menschen gemacht hat.

Der Autor fängt die Atmosphäre in Buenos Aires mit präzisen Worten so gekonnt ein, dass ich mit den Bildern, die er in meinem Kopf entstehen lässt, direkt in einem der Tangolokale dabei bin. Es gibt so viele Gesetze, Codes und Rituale in Argentinien, die den Tango betreffen und es war für mich sehr interessant, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können.

Wolfram Fleischhauer, der virtuos mit Worten jongliert, erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte, gibt Einblicke in einen Politthriller, die Geschichte des Tangos und in eine etwas verworrene Familiengeschichte. Er verwebt alles zu einem kunstvollen, intensiven Gesamtbild.

Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach sich selbst etwas verliert und vieles gewinnt, und die mir sehr angeregte Lesestunden beschert hat.

Wolfram Fleischhauer
Drei Minuten mit der Wirklichkeit

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426622568

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 23. Mai 2018

Rene Freund - Liebe unter Fischen


"Je weniger die Dinge um mich werden, umso mehr werde ich"

Alfred Firneis hat mit 2 Lyrik-Büchern den Nerv der Zeit getroffen und damit seiner Verlegerin Susanne Beckmann eine gesicherte Existenz beschert. Nun geht es dem Verlag nicht so gut und Firneis soll nachlegen. Der aber verlottert so langsam in seiner Kreuzberger Wohnung. Nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch will aus dem Kerker seiner schlechten Gewohnheiten – saufen, zweifeln, fürchten, verzweifeln – ausbrechen und macht sich auf den Weg zu einer aus Lärchenholz gebauten Hütte in Grünbach am Elbsee in Österreich. Hier trifft er auf die Limnologin Mara, die ihm erklärt, wie die Elritzen Liebe machen - und ist ganz hin und weg.

Obwohl er sich als Ekel und irgendwie unnahbar gibt, war mir Alfred "Fred" Firneis von Angang an recht sympathisch. Schon seine Ansage auf dem Anrufbeantworter "Bitte hinterlassen sie keine Nachricht: Ich rufe nicht zurück" finde ich witzig und hat mich für ihn eingenommen. Ich würde jetzt gerne neben ihm und dem jungen Revierförster August mit Lederhose und Nixentatoo, den ich auch sehr mag, vielleicht weil er das genau Gegegenteil zu Fred ist, auf der kleinen Bank vor der Hütte am See sitzen und mir seine Lebensweisheiten anhören. Ich finde es rührend, wie sich Fred ohne Elektrizität und warmes Wasser versucht in der Einsamkeit einzurichtren. Freds Verlegerin Susanne kommt mir sehr egoistisch, nur auf sich und den Verlag bedacht und manipulativ vor. Mara dagegen halte ich für etwas naiv, sie lässt sich manipulieren, merkt aber noch gerade rechtzeitig, was ihr wichtig ist.

Die Geschichte ist nach Tagen aufgeteilt, und enthält anfangs auf der Hütte meist Briefen, zuerst nur von Fred an Susanne, bis sie dann auch antwortet. Gerade die Briefe lassen noch vielmehr als die vorhergehenden und die folgenden Gespräche tief in Freds Seele blicken. Hier und da schien mir die Handlung etwas verworren, fügt sich aber zum Schluss hin zu einem kompletten Ganzen zusammen.

Der Schreib- und Erzählstil ist leicht und flüssig und ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Der Bucheinband weist auf Daniel Glattauers "Gut gegen Nordwind" hin, das ich auch gelesen habe. Mir persönlich hat "Liebe unter Fischen" noch einen Tick besser gefallen.

Ich habe die gute Unterhaltung mit nicht alltäglichen Charaktären genossen.

Rene Freund
Liebe unter Fischen
Wer nach den Sternen greift

Hanser Verlag, München
ISBN 9783552062092

© Gaby Hochrainer, München 2018

Dienstag, 22. Mai 2018

Grappa in der Schlangengrube von Gabriella Wollenhaupt

Im Rahmen eines Resozialisierungsprojekts wird der zweifache Mörder Mischa Ashley nach 17 Jahren Haft entlassen und soll im Verlagshaus des „Bierstädter Tageblatts“ eine Stelle erhalten. Titel des Projektes Wiedereingliederung: „Die zweite Chance“.
In der Haft hat Mischa Ashley nicht nur sein Abitur nachgeholt, er hat auch das Schreiben begonnen. Hat Texte und einen Roman geschrieben und alle finden das total toll. Der charismatische Typ sieht gut aus, hat offensichtlich Charme und ist mittlerweile sanft wie ein Lamm.
Nun, in der Redaktion kommt er nicht überall so gut an, die „Geister“ scheiden sich enorm. Die weiblichen Kolleginnen sind fast alle hin und weg und seiner Ausstrahlung erlegen. Nicht so die männlichen Kollegen, die sind eher bissig und mehr als skeptisch. Und dann ist da noch Grappa. Sie wird Ashley als Mentorin an die Seite gegeben, soll ihm helfen und eine schützende Hand über ihm haben.
Doch Grappa ist alles andere als begeistert. Ihr ist der Typ mit seinem extremen Narzissmus mehr als suspekt. Und das bekommt er auch zu spüren. Nicht nur von Grappa. Auch in der Öffentlichkeit reagieren sehr viele Bürgen negativ auf das Projekt. Ganz nach dem Motto: Einmal Mörder, immer Mörder. Punkt.
Dann geschieht ein Mord in der Stadt. Und das Opfer ist eine reiche Dame mittleren Alters, die Mischa Ashley finanziell enorm unterstützt hat …

Sonntag, 20. Mai 2018

Janne Mommsen - Die kleine Inselbuchhandlung

Eine absolute Wohlfühllektüre

Lufthansa-Flugbegleiterin Greta Wohlert sieht sich vor ihrem Flug nach Shanghai mit einer Panikattake konfrontiert. Fiegen kann sie nicht, also nimmt sie ein paar Tage Auszeit und fährt mit dem Zug zu ihrer Tante Hille auf die kleine Nordseeinsel, die sie schon seit ihrer Kindheit kennt. Aus 3 Tagen werden zwei Wochen in denen sie krankgeschrieben ist und sich über ihre Zukunft Gedanken macht. Da sind zum einen die vielen Bücher, die ihre Tante abstoßen will und die sich als Grundstock für eine kleine Bücherei gut eignen würden. Da ist der blonde Surferboy Claas, den sie sehr sympathisch findet. Aber auch ihr Kollege Florian spukt ihr immer noch im Kopf rum. Soll sie es wirklich wagen und auf der kleinen Insel einen Neuanfang starten?

Ich war sofort mittendrin in diesem kleinen abgeschlossenen Kosmos in der Nordsee mit tollen Menschen, Sonne, Sand und Meer. Entspannung ab der ersten Seite.

Greta mit ihrer Liebe und einem tollen Verständnis zu Büchern; ihre Tante Hille, die die irrwitzigsten T-Shirts trägt; dem Krabbenfischer, der recht maulfaul ist und trotzdem seine große Liebe findet – einfach schön zu lesen, wie einfach das Leben eigentlich sein könnte, wenn alles etwas entschleunigt vonstatten geht.

Ich habe es genossen, miterleben zu dürfen, wie die kleine Inselbuchhandlung Stück für Stück entsteht; wie die Menschen, die schnell zu Freunden geworden sind, mit anpacken und helfen. Wie einfach alles geht, wenn man es nur will.

Mit dem Radl durch die Marsch, durch die Felder und Weiden, über den kleinen Waldweg zum See, die Beschreibung der Dünen, wenn der Wind durchs Gesicht streicht, wenn die Wellen die Füße umspülen, die Kuhle in der Düne, oder einfach nur im Sand sitzen und den Kitesurfern zusehen – alles so wunderbar, eindringlich und gut vorstellbar beschrieben, dass ich gleich wieder Fernweh bekomme und unbedingt mal wieder in den hohen Norden möchte.

Janne Mommsen hat mir einen absoluten Wohlfühlroman zu lesen gegeben, der mir einige wunderschöne erholsame Lesestunden geschenkt hat.

Janne Mommsen
Die kleine Inselbuchhandlung
rowohlt Verlag, Hamburg

ISBN 9783499291548

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 18. Mai 2018

Rosa Berg - Teddybär, Teddybär, dreh Dich um

Packend ab der ersten Seite

Von ihrer Mutter Elisabeth finanziert, lebt die dicke, ungepflegte 26-jährige Hanna Malchau im Wohnwagen als Dauercamperin auf dem Campingplatz. Hannas geistig behinderte Tochter Tonja wird indes von Elisabeth aufgezogen. Als Hanna immer wieder Teddybären mit verstörenden Nachrichten vor ihrem Wohnwagen findet, meint sie ihre Tochter entführen und so schützen zu müssen.

Kommissarin Nina Hecker und ihr Kollege Thilo Sander, der Hanna als ehemaliger Streetworker kennengelernt hat, ermitteln in diesem Entführungsfall und dringen immer weiter in die familiären Verhältnisse ein und bringen Scheußlichkeiten ans Tageslicht, mit denen sie nie gerechnet hätten...

Rosa Berg schafft es in ihrem Debütthriller von Anfang an ein düsteres Szenario zu schaffen, das sich verdichtet, je näher man der Lösung des Falles kommt. Eingestreute Textpassagen, die auf häuslichen Missbrauch schließen lassen und die ich erst zum Schluss richtig deuten konnte, fachen die Spannung weiter an und bringen Unglaubliches ans Tageslicht.

Hannas Welt, geprägt von Alkohol, Zigaretten, auch Drogen und Diebstählen für den täglichen Bedarf, stellt sie ganz an den Rand unserer Gesellschaft. Beim Blick in ihren Wohnwagen hat es mich geschüttelt. So sollte kein mensch leben müssen. Es war schwer, Sympathie für sie zu entwickeln. Aber je weiter die Handlung fortschreitet, umso vertrauter wurde sie mir, hatte ich Mitleid mit ihr. Schlimm für sie fand ich die Erkenntnis, dass sie ihre Tochter trotz all der Liebe, die sie für sie empfindet, nicht versorgen kann.

Auch die anderen Charaktäre machen es mir schwer sie zu mögen. Ausser Thilo Sander – der Kommissar und ehemalige Streetworker geht so ganz anders an den Fall heran. Bei ihm bin ich mir sicher, der schafft das schon. Im Gegensatz zu seiner Kollegin, die hier und da überreagiert, gerne mal die Waffe zückt und ich immer gehofft habe, dass sie sich dann doch noch zusammenreißen kann. Aber mit der Zeit kam ich auch mit ihr zurecht und habe teilweise verstanden, warum sie tut, was sie tut.

Der Schreibstil ist fesselnd und spannend und die Seiten fliegen nur so dahin. Spuren tun sich auf, halten aber einer Prüfung nicht stand. Ich kann gut miträtseln und mitfiebern, bin immer sehr nahe an den Kommissaren dran, was auch an den vielen Dialogen liegen mag. Ich schaue in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele und frage mich, wie ein Mensch das alles verkraftet.

Ein verstörender Psychothriller mit kleinen Schwächen, aber viel Potential für die neuen Ermittler.

Rosa Berg
Teddybär, Teddybär, dreh Dich um
KSB-Media
ISBN 9783945195550

© Gaby Hochrainer, München 2018

Donnerstag, 17. Mai 2018

Klaus Wanninger: Schwaben-Fest

Dieser Kriminalroman war für mich so etwas wie Erholung für die Seele nach vielen ausländischen und actionreichen Krimis und Thrillern liest sich dieser bodenständige Ermittlungskrimi aus Stuttgart wie ein Roman, bei dem man tief ein- und ausatmen kann.

Es ist bereits der 19. Roman aus der Schwaben-Reihe, der beim KBV Verlag erschienen ist. Es ist das große Volksfest der Cannstatter Wasen. Der Bürgermeister feiert heute mit. Er entpuppt sich als Wildpinkler. Hinter dem Zelt stößt er beim Entleeren seiner Blase auf eine Leiche. Die Ermittler finden in Ihrer Nähe einen Zettel mit dem Wort "Menschenschinder" darauf. Kommissar Braig übernimmt mit seinem Team die Ermittlung. Doch warum dieses Opfer zunächst offenbar als "Menschenschinder" bezeichnet wurde, ist ihnen ein Rätsel, handelt es sich doch um einen ruhigen und beflissenen Rosenzüchter, der mit seinen Züchterkollegen das Volksfest besuchen wollte. Schon bald müssen die Ermittler erfahren, dass es weitere Menschenschinder in der Region gibt und es nicht bei dem einen Opfer bleiben soll.

Wanninger hat einen grundsoliden Kriminalroman präsentiert, der es kaum an etwas vermissen lässt. Obwohl überwiegend eine ruhige Atmosphäre vorherrscht, muss der Leser nicht auf actionreiche Szenen verzichten. Das Privatleben der Ermittler wird nicht herausgehalten aus der Handlung und macht das Personal umso sympathischer. Der Lokalkolorit ist nicht überstrapaziert. Irgendwo muss ein Roman spielen, warum also nicht in Stuttgart? Immer wieder streut der Autor entsprechende Hintergrundinformation zu regionalen oder historischen Besonderheiten ein, was nie hemmend in der Handlung wirkt.

Was für mich zwar kein störender aber einen nervenden Eindruck hinterließ, sind die unterschiedlichen Dialekte der deutsche Sprache. Schön und passend, aber völlig ausreichend ist, dass einige Figuren schwäbisch sprechen. Ist auch alles verständlich. Aber warum die aus Sachsen stammende Kollegin im Kommissariat dann auch sächselt, und ein Zeuge berlinert war für mich zu viel des Guten. Das hätte der Roman nicht nötig gehabt. Aber wie gesagt: nicht störend, eher nervig.

Der Krimi ist ein wohltemperierter Gegensatz zu all den hochgedrehten Thrillern, den ich gern empfehle.

Klaus Wanninger
Schwaben-Fest

KBV Verlag, Hillesheim
ISBN
9783954413812

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Mittwoch, 16. Mai 2018

Katharina Peters - Strandmord

Ein erschreckender Blick zurück

Ruth Kranold, eine Ex-Polizistin aus Greifswald, muss bei diesem Schietwetter sehr langsam fahren. Nur so wird sie auf eine besinnungslose junge Frau aufmerksam, die am Straßenrand in einem Gebüsch liegt. Die junge Ina ist brutal zusammengeschlagen und grausamst verletzt worden. Ruth nimmt die junge Frau, die ich ganz zu Anfang der Geschichte kennenlerne, mit zu sich nachhause und päppelt sie auf.

Ein paar Tage später wird an einem Strand zwischen Glowe und Juliusruh auf Rügen eine schrecklich zugerichtete, erfrorene, nackte Frau gefunden. Die Tote, die 35-jährige Pharmareferentin Karola Thiel, bereitet Kommissarin Romy Baccare sehr unschöne Erinnerungen. Vor ca. 15 Jahren hat Romy so etwas schon mal gesehen – in München, ganz zu Beginn ihrer Kripozeit. Der damalige Täter wurde vor einem Jahr entlassen. Schlägt er jetzt hier im Norden wieder zu?

Da ich bei den ersten 6 Fällen schon mit Romy Baccare die Täter gesucht habe, ist es schön, wieder einmal auf Rügen zu sein und alte Bekannte aus den Kommissariaten in Bergen und Stralsund zu treffen. Wie auch die ersten Fälle, ist dieser abgeschlossen und kann, auch dank dem zum Schluss aufgeführten Verzeichnis der Ermittler, gut von Neueinsteigern gelesen werden.

Der Kriminalfall scheint recht eindeutig und präsentiert nacheinander eine Menge Verdächtige. Alibis werden überprüft, Verdächtige verhört, die Spannung steigt von Seite zu Seite. Aber obwohl die Kommissare in Bergen und Stralsund unter Hochdruck ermitteln, tappen sie lange Zeit im Dunkeln. Ich bin immer mittendrin, kann den Ermittlungen und den Gedanken der Ermittler sehr gut folgen. Aber die eigentlichen Zusammenhänge habe ich auch erst kurz vor Schluss durchblickt. Mich hat die Auflösung des Falles ziemlich schockiert und mitgenommen.

Nicht so gut gefallen hat mir, dass Romy diesmal persönlich viel zu nah an diesem Fall dran war und um ihr Leben fürchten musste. Ich würde mir wünschen, dass sie sich endlich einmal richtig von ihren schlimmen Erfahrungen erholen kann. Fälle, in denen die Ermittler nicht selbst involviert sind, lese ich einfach lieber.

Die meisten der Ermittler kenne ich ja schon länger. Da Kasper Schneider, der Lieblingskollege von Romy, nun im ersehnten Ruhestand ist, nur hier und da als Berater zu den Fällen hinzugezogen wird, und noch kein neuer Kollege da ist, nimmt seine Stelle z.Zt. der 30-jährige Polizeiobermeister Bernd Kasch ein. Unauffällig, still und nachdenklich macht er seine Arbeit, was Romys Urteil über ihn mit der Zeit revidiert. Mir gefällt Paschs Arbeitsweise sehr gut und ich würde mich freuen, wenn er weiter ein Teil des Teams bleiben würde.

Dieser Fall hält eine Menge unterschiedlicher Charaktäre aus den unterschiedlichsten Schichten bereit. Alle gut ausgearbeitet, farbig mit ihren Eigenarten skizziert und für mich gut vorstellbar dargestellt.

Aber auch die Insel Rügen bekommt mit ihrer winterlichen Schönheit, die hier gut vorstellbar gezeichnet wird, ihren Raum. Da ich erst im vergangenen Jahr dort war, habe ich einige Orte noch bildlich vor Augen. Absolut eine Reise wert.

Auch der 7. Fall für Rommy Baccare und ihren Freund und Partner Jan Riechter hat mich wieder fasziniert und sehr gut unterhalten. Ich hoffe bald wieder zu einem neuen Fall auf die Insel Rügen kommen zu dürfen.

Katharina Peters
Strandmord
Aufbau Verlag, Berlin

ISBN 9783746633947

© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 13. Mai 2018

Katja Kleiber - Die Eifelhexe

Ein neues Ermittler-"Trio" aus der Eifel


In Adenau, einem Ort in der Eifel, wird der Lokalpolitiker Wolfgang Leyendecker vergiftet. Der Verdacht fällt auf Ella Dorn, eine Unternehmensberaterin, die seit 2 Jahren im alten Forsthaus im Wald über Antweiler lebt und hier als Kräuterhexe bekannt ist. Sie hat sich im Laufe der beiden Jahre, die sie nun hier ist, in die Kräuterheilkunde eingearbeitet, stellt Cremes und Tinkturen her und spürt Wasseradern und Erdstrahlen auf. Da sie den Verdacht nicht auf sich sitzen lassen will, geht sie auf eigene Faust auf die Suche nach dem Täter – und wird früher als die Polizei aus Bad Neuenahr-Ahrweiler fündig.

Der Einstieg mit dem Prolog facht schon die Spannung an und der Bogen hält sich bis zur endgültigen Auflösung am Schluss, wo es noch mal richtig spannend wird.

Der leichte und flüssige Erzählstil sorgt dafür, dass man das Buch in einem Rutsch durchlesen kann. Langeweile kommt keine auf. Was mich nur etwas gestört hat, waren einzelne Phrasen, die sich öfter wiederholt haben. Auch dass eine Krankheit immer wieder einfließt, hat mir nicht so gut gefallen.

Da ich schon einige Male in der Eifel Urlaub gemacht habe, hatte ich die Landschaft beim Lesen immer vor Augen. Vor allem die kleinen Fachwerkhäuser in Monschau haben mir damals richtig gut gefallen. Alles in allem macht es Spaß mit Ella oder den Kommissaren durch die beginnende Herbstlandschaft zu streifen.

Ella Dorn, die hier eine der drei Hauptrollen spielt, ist mir von Anfang an trotz ihres gesundheitlichen Handikaps sehr sympathisch. Auch wenn sie die ein oder andere Macke hat, kann ich sie mir gut als Freundin vorstellen.

Ganz anders die beiden Kommissare. Peter Claes stinkt es einfach, dass er in diesem Fall, der für ihn ja auch nichts anders ist als ein Unfall oder ein Diebstahl ist, eine Frau aus dem Kommissariat aus Trier vor die Nase gesetzt bekommt. Dem entsprechend rüde führt er sich auch auf. Und seine Vorurteile sollte er auch mal überdenken.

Seine Vorgesetzte Tanja Marx hat gerade eigene persönliche Probleme mit denen sie kämpft. Sie kommt mir sehr eingebildet und selbstgefällig vor. Trotzdem würde ich gerne weitere Fälle mit den Beiden lösen.

Auch die anderen Protagonisten sind gut vorstellbar mit ihren Ecken, Kanten und Vorlieben beschrieben. Hier und da habe ich den Eifler Dialekt etwas vermist. Der hätte den Lokalkolorid noch mehr hervorgehoben.

Ich wurde schnell in eine Geschichte hineingezogen, die für mich, die ich von Landwirtschaft, Ackerbau und Flurbereinigung keine Ahnung hatte, doch sehr interessant war. Hier habe ich sogar noch etwas gelernt. Durch die vielen Spuren, die es gilt zu verfolgen und zu hinterfragen, wurde ich hier und da in die Irre geführt, konnte aber bis zum Schluss mit ermitteln und mit fiebern. Den Täter hatte ich schon recht früh ins Auge gefasst, konnte mir aber sein Motiv nicht vorstellen. Und das hat mich dann wirklich überrascht und teils frösteln lassen.

Eine spannende Geschichte, interessante Protagonisten und das alles eingebettet in eine wunderbare Landschaft. Ein Krimi nicht nur für Eifel-Fans.

Katja Kleiber
Die Eifelhexe
emons Verlag, Köln

ISBN 9783740802714

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 11. Mai 2018

Marie Gamillscheg - Alles was glänzt

Menschen im Dorf am Berg


Merih, der Regionalmanager, kommt in das Dorf, in das er wieder Leben bringen soll. Nur noch wenige leben hier am Berg, der ihnen früher Arbeit und Lohn gebracht hat. Nun beginnt er sich gegen den Raubbau, der in ihm begangen wurde, zu wehren. Es leben nur noch wenige Menschen hier. Die Jungen ziehen in die Stadt, die Alten bleiben, bis auch sie nicht mehr alleine auskomen können. Die Touristen, die früher kamen, bleiben auch aus. Und der Berg, dessen Inneres hier und da noch immer glänzt – er zeigt die ersten Risse ...

Mich hat der Klappentext und die Leseprobe auf das Buch aufmerksam gemacht. Aber es beinhaltet so viel mehr.

Marie Gamillscheg hat Themen aufgegriffen, dass heute immer mehr zum Tragen kommen: Das Aussterben kleiner Dörfer vor allem in den Bergregionen; das Aushöhlen der Berge, die ihre Bodenschätze hergeben müssen; die Furcht der Menschen vor dem was kommen mag.

An den Schreibstil habe ich mich erst gewöhnen müssen. Er kam mir anfangs abgehakt und grob vor. Immer wieder Perspektiv- und Zeitenwechsel. Aber ich habe mich in die Geschichte hineingekämpft, die aus vielen einzelnen kleinen Geschichten besteht, und daher etwas zusammen gewürfelt und ohne gerade Linie wirkt. Kein Buch für einen entspannten Nachmittag auf der Couch. Für mich war es hier und da etwas quälend dieses Buch zu lesen.

Die Geschichte wird zum großen Teil von den wenigen noch dort lebenden Bewohnern erzählt und von Merih, der den Dorfkern wiederbeleben soll. Teresa, die gerne und gut Klavier spielt, Susa, die noch immer ihre Bar ESPRESSO führt und Wenisch, der daran arbeitet, das Bergbauarchiv des örtlichen Museums zu erneuern.

Bei den Passagen, die in der Gegenwart erzählt werden, bin ich noch näher an der jeweiligen Person dran, lerne sie besser kennen und zu verstehen. Die Häuser, die sich um den Marktplatz gruppieren, Susa Bar und das Bergbaumuseum sind sehr eindringlich beschrieben und mir gut vorstellbar. Auch mit einem Brauch der Region schließe ich Bekanntschaft, dem Blintelfest, das den Beginn des Sommers symbolisiert.

In dieser abgeschlossenen Welt am Berg macht alles macht einen etwas trostlos-melancholischen Eindruck. Aber die Menschen haben sich noch nicht aufgegeben und kämpfen um ihren Platz am Berg.

Marie Gamillscheg
Alles was glänzt
Luchterhand Verlag, München

ISBN 9783630875613

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 9. Mai 2018

Anne Reinecke - Leinsee

Ein interessantes Debüt

Der Künstler August Stiegenhauer hat sich das Leben genommen. Seine Frau Ada, eine ebenfalls gefeierte Künstlerin, liegt nach einer schweren Gehirn-OP mit wenig Überlebenschancen im Krankenhaus. Beider Sohn Karl, der sich ebenfalls in der Kunstwelt einen Namen gemacht hat, lerne ich auf der Zugfahrt zu seinem Elternhaus nach Leinsee kennen. Ein junger Mann, der nie die Liebe seiner Eltern erlangen konnte, früh ins Internat abgeschoben wurde und mir einen sehr einsamen Eindruck macht, dessen Eltern immer nur um sich selbst kreisten, steht nun in einem Haus voller Erinnerungen. Konsequent verbrennt er den gesamten Hausrat nach dem Tod der Mutter um sich wieder seiner Kunst zu widmen und vielleicht zu sich selbst zu finden.

Neben Karl taucht plötzlich die 8-jährige Tanja auf, die ihn ab jetzt stückweise begleitet, ihn zu inspirieren scheint. Seine Freundin Mara Schlüter, der ehemalige Vertraute seiner Eltern Torben Behning genannt Buddy Holly, Galerist Maximilian Raiken und wenige weitere Protagonisten tauchen immer wieder in Karls Leben auf. Bis zum Schluss kommt er mir fremdbestimmt und einsam vor.

Die meisten Personen bleiben für mich blass, anstrengend, und nicht allzu sympathisch. Ich kann ihre Handlungen teilweise nicht verstehen oder nachvollziehen. Alles ist mir etwas zu abstrakt. Alle leben in ihrer eigenen Welt zu der ich keinen rechten Zugang finde.

Trotzdem werde ich immer aufs Neue verblüfft. Sei es durch Tanja, die auf die absurdesten oder liebevollsten Ideen kommt, sei es durch Karl, der sich plötzlich befreien will und seinen Kunststil ändert. Die von ihm erschaffenen Skulpturen habe ich direkt vor Augen und sie verleiten mich, ebenfalls einen Blick hinein zu tun.

Vor allem aber ist es die farbige Ausdrucksweise der Autorin, die mich stark beeindruckt und fasziniert hat. Sie schafft es mit wenigen Worten so vieles auszudrücken, bringt vieles direkt auf den Punkt. Ihre bildhaften Beschreibungen werden mir immer wieder ins Gedächtnis kommen und präsent bleiben. Die poetischen Farbüberschriften der einzelnen Kapitel gefallen mir sehr gut und ich habe beim Lesen des Textes schon darauf gewartet, dass ich sie dort wiederfinde.

Gewürzt mit einer Prise Sarkasmus und einer Prise Humor liest sich das Buch leicht und locker weg. Trotzdem ist es eine Geschichte, die ich auf mich wirken lassen musste um mich darauf einlassen zu können.

Alles in allem ein interessantes, sprachlich geniales Debüt von einer Autorin, von der ich unbedingt mehr lesen möchte.

Anne Reinecke
Leinsee
Diogenes Verlag, Zürich

ISBN 9783257070149

© Gaby Hochrainer, München 2018

Dienstag, 8. Mai 2018

Nina George: Die Schönheit der Nacht

Nina George ist bekannt für ihren gefühlvollen Stil, den sie ihren Texten einverleibt. Darauf kann man sich auch bei ihrem aktuellsten Roman verlassen, welches einer der großen Gefühle ist, ohne auch nur eine Spur von Kids aufkommen zu lassen.

Claire verlässt das Zimmer eines Hotels, in welchem sie nur diese eine Nacht verbracht hat. Mit einem Mann, der nicht ihr Ehemann ist. Sie wird diesen Mann nicht wiedersehen. So die Vereinbarung.

Auf dem Flur trifft sie ein junges Mädchen, das ihren Job zu morgendlicher Stunde im Hotel erledigt. Die Blicke des Mädchens geben zu verstehen, dass sie Schweigen wird und keinem Menschen davon berichtet, was möglicherweise in dem Zimmer passiert ist, aus dem Claire trat. Die Wege Claires und des Mädchens sollen sich aber erneut treffen.

Die Autorin, die viel Zeit des Jahres in der Bretagne lebt, hat diese Roman wie auch schon vorhergehende in Frankreich angesiedelt. Ihre sinnliche Wortwahl macht die einzelnen Situationen für den Leser spürbar, riechbsr, schmeckbar und fühlbar. Noch heute schmecken meine Lippen salzig, wenn ich an das Meer im Roman denke. Die Gedanken der Protagonistinnen fühlen sich an, als wären es meine eigenen.
Die Emotionswucht der Sätze lässt dennoch keine Spannung vermissen. Denn als sich der Weg der beiden Protagonistinnen erneut kreuzt, wird der Sog entfacht, mit dem man das Aufeinandertreffen von Julie und Claire verfolgt. Dieses wird aus beider Sicht erzählt, abwechselnd. Damit wird das Verständnis für beide Positionen näher an den Leser gebracht. Positionen, die in erster Linie in den Köpfen der Figuren stecken, von denen sie sich befreien wollen. Aber es sind nicht nur die inneren Konflikte der reifen Frau Professor und des jungen Mädchens. Claire ist verheiratet und sie hat einen Sohn, der gerade seine ersten Schritte als Erwachsener macht. Zwei weitere Konflikte, die der Professorin im Wege stehen. wie Claire diese löst, ist im Roman geschildert und kann schwankende Gefühle für die eine oder andere Seite auslösen. Und dabei lässt Nina George zum Ende hin als Überraschung noch einen Ballon platzen, der auch den Beginn des Romans wieder ins Wanken bringt.

Ein Roman voller Emotionen. Er wird bestimmt vom Aufbruch in ein neues Leben, aber auch vom Hintersichzurücklassen, was bisher im Leben geschah. Begegnung und Abschied nebeneinander wandern auf einem ganz schmalen Grat. Das bretonische Ambiente schafft zusätzlichen Genuss. Der Roman ist in jedem Fall sehr empfehlenswert.

Nina George
Die Schönheit der Nacht

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426654064

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Sonntag, 6. Mai 2018

Lilli Wiemers - Bernsteinzauber und Liebesglück

Aus drei mach eins – klappt hier nicht


Ich liebe Bernstein und so hat mich das zauberhafte Cover mit dem Bernsteinherz auf der weißen Bank magisch angezogen.

Im Prolog lerne ich ganz kurz drei Freundinnen kennen: Margarete, Christiane und Susanne. Die drei verbringen eine Zeit lang mit ihren Eltern zusammen die Ferien auf Rügen. Als Margarete einen großen Bernstein findet, läßt sie vom Juwelier ein Herz schleifen und in drei Stücke trennen. Jede von den Freundinnen soll ihr Stück an den Mann weitergeben, der ihre große Liebe ist.

Ich hatte einen abgeschlossenen Roman erwartet, bekommen habe ich drei Liebesgeschichten, die in diesem Buch vereint wurden.

In jeder Geschichte geht es um eine junge Frau, die in engem Zusammenhang mit einer der drei Mädchen von damals steht und die den Mann finden will, der das Herzanhängerstück bekommen hat.

Ich liebe die Nord- und die Ostseeküste und die vielen Inseln dort oben sehr. Die Idee, mit Hanna, Celina und Emily auf die Suche nach den Stücken zu gehen, fand ich auch sehr interessant.

In die erste Geschichte habe ich mich reinfallen lassen und das Lesen sehr genossen. Aber leider ähneln sich nicht nur die Protagonisten in ihren Eigenschaften sehr stark, sind gegeneinander austauschbar, auch die Handlungen werden nach einem einheitlichen Muster gestrickt. Für mich viel zu schnell ist die große Liebe da und als die drei Paare dann auch noch eine Dreifachhochzeit feiern, war für mich der Kitsch perfekt.

Ich habe mir Romantik gewünscht, ein kleines bisschen Spannung, die Glaubwürdigkeit lässt hier und da zu wünschen übrig. Nein, beim Lesen hatte ich nur bei der ersten Geschichte meinen Spaß. Sehr schade.

Lilli Wiemers
Bernsteinzauber und Liebesglück
MIRA Taschenbuch, Hamburg
ISBN
9783956497773

© Gaby Hochrainer, München 2018

Samstag, 5. Mai 2018

Blutmöwen von H. Dieter Neumann


Der Bauer Enno Brodersen wird neben seinem Kornfeld mit einem Loch in der Brust tot aufgefunden. Sein Jagdgewehr liegt neben ihm. Nun, beliebt war der Alte im Dorf nicht. Ganz im Gegenteil. Keiner mochte ihn, er hat sich mit allen angelegt und auch seine Kinder scheinen einfach nur froh und erleichtert, dass der Alte endlich fort  ist.
Helene Christ übernimmt gemeinsam mit ihrem deutsch-türkischen Kollegen Nuri Önal die Ermittlungen und hat es nicht einfach. Bereits in ersten Gesprächen mit den Angehörigen stößt sie auf große Mauern, die sie nicht zu durchbrechen vermag.
Was geschah dort in dieser Familie, welche Geheimnisse birgt sie. Wer hatte Nutzen vom Tod des Alten?
Fragen über Fragen, die Christ versucht zu beantworten …

***

Dies ist der fünfte Fall um die Ermittlerin Helene Christ und ich habe keinen einzigen davor gelesen. Denn ich lese eigentlich keine Küsten-Krimis, wahrscheinlich weil ich am Niederrhein lebe ☺. Und genau aus dem Grund hatte ich das Buch auch im Frühjahrsprogramm des Verlages gar nicht ausgewählt. Nun, da ich es dennoch erhalten habe, habe ich dann natürlich auch gelesen ...
Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt 220 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN: 978-3-89425-577-0
Kategorie: Krimi
© Marion Brunner_Buchwelten 2018

Freitag, 4. Mai 2018

Kim Wright - Das Glück kurz hinter Graceland

Ein Roadtrip in die Vergangenheit

Cory Beth Ainsworth, 37, aufgewachsen, wie sie es beschreibt, in einem Irrenhaus in dem man sehr freundlich miteinander umgeht in Beaufort, South Carolina, dem alten Süden der USA. Seit sie denken kann, fühlt sie sich falsch in der Familie. Ihre Mum, die vor 37 Jahren als Backgroundsängerin ein ganzes Jahr lang mit Elvis Presley durch die Staaten getingelt ist, ist nun 7 Monate tot und scheint ein Geheimnis mit ins Grab genommen zu haben. Als Cory durch Zufall im alten Schuppen einen Blackhawk, das legendäre Auto von Elvis Presley, findet, ist sie sicher, die Tochter des King of Rock´n Roll zu sein, und macht sie sich auf um die Wahrheit zu finden und Klarheit in ihr Leben zu bringen.

Nach der Leseprobe hatte ich eine sommerliche Roadtrip-Geschichte erwartet. Bekommen habe ich ein Buch voller imposanter Einblicke in das Leben der Protagonistin Cory und ihrer Mutter Laura.

Aufgeteilt in 5 Teile, nochmal unterteilt durch die Gedanken und Geschichten von Cory und Honey, nimmt mich die Autorin mit auf die Reise nach Graceland. Über Macon in Georgia, Fairhope in Alabama, Tupelo in Mississippi bis nach Memphis, Tennessee. Überall begegne ich Menschen, die Honey, wie Corys Mutter genannt wurde, kannten. Durch die immer wieder wechselnden Perspektiven – einmal bin ich bei Cory 2015, dann wieder bei Honey 1977 – erfahre ich soviel mehr über das Leben, das Corys Mutter damals führte. Dass Elvis in dieser Geschichte ebenfalls eine Hauptrolle spielt, macht es für mich, als immernoch großen Fan, nur noch interessanter, die Gedanken der beiden Frauen und den Menschen um sie herum zu lesen. Wenn Honey erzählt, bin ich mittendrin in der Rock´n Roll Aera und den 70ern.

Cory, die mir manchmal etwas zu naiv, kindisch und absolut nicht altersgemäß agiert hat, habe ich im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht sofort ins Herz schließen können. Die weiteren Mitwirkenden in der Geschichte sind trotz ihrer Unterschiedlichkeit, so menschlich, prägnant und natürlich beschrieben, dass sie sofort in mein Kopfkino eingezogen sind.

Kim Wright hat eine Geschichte entwickelt, die mich durch die Dramatik, verschiedenste Gefühle und eine permanente Spannung beim Lesen gehalten hat. Ich wurde immer wieder positiv überrascht, hatte unterhaltsame Lesestunden und kann das Buch nur empfehlen. Auch wenn man kein Elvis oder Rock´n Roll Fan ist.

Kim Wright
Das Glück kurz hinter Graceland
Ullstein Verlag, Berlin

ISBN 9783548289120

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 2. Mai 2018

Lotte Minck - Planetenpolka

Ein gelungener Einstieg von Stella und Co.

Cäcilie von Breidenbach, eine gute Bekannte von Maria Schmidt, die als Hohepristerin Madame Phytia aus ihrer Glaskugel liest, ist urplötzlich verstorben. Dabei hatte ihr gerade erst ihr Hausarzt attestiert, dass sie kerngesund ist. Sie wollte ja mit ihrer Nichte auf Weltkreuzfahrt gehen. Stella Albrecht, die als Astrologin ihr Geld verdient, hegt den Verdacht, dass es sich hier vielleicht um Mord handeln könnte. Davon will Kommissar Arno Tillikowski allerdings nichts hören. Für ihn zählen nur Fakten und Beweise und keine Sternenkonstellationen.

Stella Albrecht, die neue Hauptprotagonistin bei Lotte Minck, durfte ich ja schon bei einem kurzen Auftritt von Loretta Luchs in ihrer letzten Geschichte kennenlernen. Da war mir die junge Frau schon sehr sympathisch. Und natürlich Oma Maria, die ich auch schon kennenlernen durfte. Sie ist mir wahrscheinlich durch ihre Originalität genau so ans Herz gewachsen wie Stella. Die Dritte im Haus mit riesigem Park und Garten ist Felicitas, Konrektorin einer Gesamtschule, der krasse Gegensatz zu ihrer Mutter Maria und ihrer Tochter Stella. Auch die anderen Mitwirkenden im Umfeld von Stella, sei es ihr guter Freund und Journalist Ben Glaeser, Kommissar Arno Tillikowski oder Otto, ein Freund von Maria – alles mir sehr sympathische Menschen.

Den Gegenpart stellen die Erben der alten Matriarchin Cäcilie von Breidenstein. Serena liebt das Glücksspiel, verliert nur meist oft. Sie ist wie eine Gans, die sich gut rupfen lässt. Ihren Bruder Florian zieht es mehr zu spektakulären Börsengeschäften, von denen er aber keine Ahnung zu haben scheint und zu teuren käuflichen Damen. Undine von Breidenbach verfügtüber eine ganze Palette von Masken, die sie versteht, sehr schnell zu wechseln. Und dann wäre da noch Holger van Aalen, der Guru der Astrologen-Szene, selbstverliebt, arrogant aber sehr geschäftstüchtig. Diese Menschen finde ich zwar interessant und ein bisserl geheimnisumwoben, möchte aber mit keinem von ihnen befreundet sein.

Allein das Cover ist eine Schau, hat mich magisch angezogen, und webt sich gekonnt in die Geschichte ein.

Die Geschichte selbst liest sich wie immer leicht und flüssig und strotzt nur so vor Situationskomik. Ich lerne die allesamt neuen Protagonisten recht ausführlich kennen. Beim Lesen habe ich gemerkt, dass ich die Geschichte immer noch mit denen von Loretta Luchs vergleiche. Aber ich denke, das wird bald aufhören.

Die Spannung ist allein durch den plötzlichen Tod der alten Dame von Anfang an da und hält sich bis zum Schluss bzw. steigt sogar noch weiter an. Ansonsten empfinde ich die Krimödie bis auf den Schluss eigentlich als eher ruhig. Es macht richtig Spaß, Stella, Ben und Arno zuzuhören, wie sie fachsimpeln und versuchen aus den neuen Erkenntnissen etwas herauszulesen.

Ich bekomme kleine Einblicke in die Astrologie und in eine ganz besondere Sternenkonstellation, was mir sehr gefällt und was ich für ein spannendes Thema halte, wenn es jemand so wie Stella angeht.

Eine wie immer amüsante Geschichte, die etwas mehr Ruhrgebietsromantik und Sprache gebrauchen könnte, die mich gut unterhalten hat. Ich freue mich auf weitere astrologische Ermittlungen von Stella, ihrer Oma, Ben und Arno.

Lotte Minck
Planetenpolka
Droste Verlag, Düsseldorf

ISBN 9783770020171

© Gaby Hochrainer, München 2018