Sonntag, 30. Juli 2017

Stefan Ulrich - Die Morde von Morcone

Der Münchner Rechtsanwalt Robert Lichtenwald braucht eine Auszeit. Verlassen von seiner Frau Stefanie zieht er sich in sein Bauernhaus in der Toskana zurück um zurück zu sich selbst zu finden. Kurz nach seiner Ankunft finden er und sein Vermieter in den Ruinen des Klosters San Rocco eine Leiche in die ein Buchstabe geritzt ist. Was hat es damit auf sich? Als sich die Leichen in Morcone mit den eingeritzten Buchstaben häufen und die Carabinieri im trüben fischen, macht sich Lichtenwald zusammen mit der Lokalreporterin Giada Bianchi auf Mördersuche. Hierbei geraten Beide selbst in höchste Gefahr.

Das trotz der vielen Farben etwas düstere Cover mit den Zypressen und dem Kreuz und vor allem die Leseprobe haben mir Lust auf dieses Buch gemacht. Stefan Ulrich schafft es auch bald mich tief in die Geschichte hinein zu ziehen. Sein Schreibstil liest sich angenehm, flüssig und die Spannung steigt ab den ersten Seiten. Dass er diesen Teil Italiens gut kennt, kann er sehr gut vermitteln. Er schafft es schnell, mein Kopfkino mit den vielen Bildern, die er beschreibt, zu füllen.

Ich lerne den eher ruhigen Robert Lichtenwald und die temperamentvolle Giada Bianchi recht ausführlich kennen. Die anderen Protagonisten bleiben für mich etwas farblos und blass. Ich tauche ein in die toskanische Landschaft und die italienische Lebensart. Wie ein Urlaub – nur das er mit Leichen gespickt ist.

Was mir nicht so gut gefällt, sind die vielen italienischen Floskeln und Begriffe, die immer wieder Eingang finden, sich aber beim Lesen oft von selbst erklären. Der Lesefluß wurde hier für mich aber immer wieder gestört. Hier wäre ein Glossar mit den Erklärungen hilfreich. Die dicken italienischen Mammas und die faulen Carabinieri sind mir mit zu viel Klischees gehaftet.

Ich habe einen für mich neuen Autor kennengelernt, der mir die Toskana sehr gut näher gebracht und einen interessanten Kriminalfall konstruiert hat. Trotz einiger Kritikpunkte würde ich mich freuen, bald mehr von dem ungleichen Ermittlerpaar lesen zu dürfen.

Stefan Ulrich
Die Morde von Morcone

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783548289243

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 28. Juli 2017

Jean-Luc Bannalec: Bretonischer Stolz

Ich muss immer wieder staunen, wie mich Romanfiguren in ihren Bann ziehen können. Beim vierten Roman um Kommissar George Dupin war es wieder ein Heimkommen in die "Familie". Man kennt die Figuren, ihre Stärken und Schwächen, und trotzdem lernt man wieder die eine oder andere Sache an ihnen kennen, von denen man noch nichts ahnte.

Dieses Mal geht es um Austernzüchter in der Bretagne. Eine ältere Dame meldet eine Leiche, die sie beim Spazieren gesehen hat. Doch als die Polizei auftaucht, gibt es keine Leiche mehr. Die Dame wird als schrullig und tüttelig abgetan. Auf faszinierende Weise macht sie sich im Gespräch mit dem Kommissar zu dessen Assistentin - schließlich müssen sie doch beide gemeinsam ermitteln, begründet sie dies augenzwinkernd. Dupin spielt mit. Dann wird doch noch eine Leiche gefunden. Es ist eine andere. Die Spuren führen in die Austernzuchtszene, in die Bauszene, aber auch zu diversen Druidenvereinigungen in der Bretagne und in Schottland. Über diese Bereiche erfährt der Leser viel Hintergrundinformationen, die Bannalec scheinbar mühelos in die Handlung und Dialoge einflechtet. Dabei macht er meist die Hauptfigur noch sympathischer. Denn als Pariser weiß der, einem Klischee folgend, sehr wenig von der Bretagne.

Spannend und amüsant zu lesen. Gerne eine Empfehlung!

Jean-Luc Bannalec
Bretonischer Stolz

KiWi Verlag, Köln
ISBN 9783462048131
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 26. Juli 2017

Inge Löhnig - Sieh nichts Böses

Bei ihrer Prüfung zum Polizei-Leichenspürhund spürt die Border-Collie-Hündin Ronja im Forstenrieder Wald bei München die Leiche einer jungen Frau auf. Sie hat ca. zwei Jahre hier in ihrem kalten Grab gelegen und es ist nicht einfach, die Identität festzustellen, da für den fraglichen Zeitraum keine Vermisstenanzeige vorliegt.

Kommissar Konstantin „Tino“ Dühnfort, der mit seiner Frau Gina gerade aus den Flitterwochen kommt, wird vor eine knifflige Aufgabe gestellt. Vor allem, als bei der Toten ein kleiner Affe gefunden wird, der mit einer Pfote seinen Unterleib bedeckt. Was will der Mörder damit mitteilen? Und ist man hier evtl. einem Serienmörder auf der Spur? Nach einem Aufruf an die Bevölkerung um Mithilfe klärt sich die Identität der Toten. Bis zur Aufklärung des Verbrechens an der jungen Frau ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Ich mag den Kommissar mit seiner ruhigen beständigen Art, der um in die Gänge zu kommen erst mal seinen Espresso Doppio aus seiner Pavoni braucht. Und auch seine Frau Gina mit ihrem herzhaften Lachen, das ich immer, wenn davon die Rede ist, im Ohr habe, mag ich sehr gerne. Deshalb trifft auch mich die Erkenntnis, die die Beiden nach einer Vorsorgeuntersuchung bekommen, richtig hart. Aber ich kann die Entscheidung, die sie treffen, gut verstehen. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch - und ich bewundere den Mut, den die Beiden aufbringen sehr.

Inge Löhnig nimmt sich in diesem 8. Fall für Kommissar Dühnfort Familien vor, in denen es nicht immer liebevoll zugeht. Ganz im Gegenteil. Ich werde mit lieblosen, prügelnden und wegschauenden Eltern konfrontiert, was mir beim Lesen nicht immer leicht gefallen ist. Aber auch das ist das Leben, das die Autorin gekonnt eingefangen und in einem spannenden Roman verarbeitet hat.

Ich bin von Anfang an mittendrin und gefangen in den Ermittlungen, die mich tief in die menschliche Psyche blicken und manches Mal fassungslos werden lassen. Dabei zu sein, wie ein Puzzleteilchen nach dem anderen sich endlich zu einem großen Ganzen zusammen fügt, war schon sehr interessant. Die Spannung hält sich von Beginn an auf einem sehr hohen Level und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Hatte ich meinen Täter ermittelt, taten sich wieder neue Wege und Wendungen auf und ich war mit meinem Latein wieder am Ende.

Ich habe eine sehr vielschichtige Geschichte gelesen, bei der sich die verschiedenen Fäden am Ende vollkommen und für mich gut nachvollziehbar auflösen. Und auch das Private bei dem sympathischen Ermittlerpaar kommt nicht zu kurz.

Für mich ist dies der interessanteste und spannendes Fall, den Tino Dühnfort mit seinem Team bisher gelöst hat.

Inge Löhnig
Sieh nichts Böses

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783548613192

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 23. Juli 2017

Manuela Obermeier - Tiefe Schuld

Auf der Suche nach einem Cache in der Aubinger Lohe, ganz im Westen von München stolpern zwei junge Geocacher buchstäblich über die Leiche einer jungen Frau, die schwerste Misshandlungen aufweist. Kriminalhauptkommissarin Antonia „Toni“ Stieglitz, die als Mitglied des Teams um ihren Chef Hans Zinkl diesen Fall lösen soll, wird dadurch sofort an ihre eigene Geschichte mit ihrem prügelnden Ex Mike erinnert, die immer noch nicht ausgestanden scheint. Toni wagt einige Alleingänge, die sie an den Rand ihrer psychischen Grenzen bringen.

Ich habe Toni Stieglitz schon in ihrem ersten Fall „Verletzungen“ kennenlernen dürfen und fand die junge Kommissarin, die schon so viel mitgemacht hat, sehr sympathisch und taff. In diesem Fall lerne ich die sehr sensible Seite der Ermittlerin kennen, die sich endlich von ihrem prügelnden Ex getrennt hat. Und sie spricht darüber – was ich sehr gut finde. Trotz aller Professionalität vernebeln ihre eigenen Erfahrungen und Emotionen etwas ihren Blick, was sie umso glaubhafter werden lässt.

Aber auch die anderen Protagonisten finde ich sehr menschlich und lebensnah gezeichnet und kann sie mir gut vorstellen. Alle haben ihre Stärken und Schwächen, was für mich beim Lesen sehr gut rüber kommt.

Mir als Münchnerin gefällt es besonders gut, dass ich mich in diesem Fall „auskenne“. Ob Toni am Sendlinger Tor oder am Viktualienmarkt vorbei fährt, ob sie am Bordeauxplatz steht oder vom ehemaligen Little Oktoberfest in der Amisiedlung erzählt. Immer bin ich mittendrin und mein Kopfkino überschlägt sich.

Der Fall an sich löst sich langsam und schlüssig auf. Ich kann sehr gut mit rätseln und mit fiebern, aber die Suche nach dem wirklichen Täter hat mich an meine Grenzen geführt. Ich hatte mal einen ganz leisen Verdacht, der sich dann auch bestätigt hat; allerdings nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Mordfall gerät durch die Turbulenzen, durch die Toni geht, hier und da etwas ins Hintertreffen. Aber da auch ihre persönliche Geschichte so spannend ist, hat mich das nicht gestört.

Ich habe einen fesselnden Mordfall aufgelöst, der durch seine taffe und sehr emotionale Ermittlerin noch mehr an Brisanz gewinnt. Ich würde mich freuen, bald mehr von Toni und natürlich Dr. Mulder lesen zu können.

Manuela Obermeier
Tiefe Schuld

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783548288635


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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 21. Juli 2017

George Pelecanos: Hard Revolution

Beinahe möchte man diesen Roman schon als historischen Roman einordnen. Dabei liegt die Zeit der Handlung, 1959 und 1968, gar nicht so lange zurück. Dennoch nimmt er historische Ereignisse auf, beleuchtet sie auf interessante Weise aus verschiedenen Blickwinkeln. Thema ist der Rassismus gegen die farbige Bevölkerung in den USA.

Während der ersten Handlungszeit 1959 werden mehrere Figuren vorgestellt, als sie noch Kinder waren. Es bilden sich Freundschaften, es gibt erste Rangeleien. Die Freundschaften verlaufen über Familien unterschiedlichster Herkunft. In Washington gibt es Viertel für Farbige, für Griechen, für Juden, für Italiener. Jede Gruppe bleibt eigentlich unter sich, doch in der Schule mischt sich einiges und die Freundschaften erstrecken sich über diese Gruppen hinweg.

Zehn Jahre später sind aus den Kindern junge Erwachsene geworden. Einige von ihnen haben einen "vernünftigen" Job, andere einen Aushilfsjob nur zum Geldverdienen. Einige waren bereits in Vietnam, haben dort Gehorsam und Töten gelernt, andere sind aus Vietnam nicht zurückgekehrt. 1968 ist ein Jahr der großen Unruhen in den USA. Die Afroamerikaner jubeln dem Menschenrechtler Dr. Martin Luther King zu. So wie im ganzen Land toben die immensen Unruhen in Washington.

Pelecanos beschreibt den brodelnden Kessel in all seinen Details und hauptsächlich über die Figuren und ihre Beziehung zueinander. Dreck, Schmutz, Freundschaft, Ehre und Gangs spürt der Leser unmittelbar. Drogen und vor allem Musik des Labels Motown liegen stets in der Luft. Mit sehr vielen alltäglichen Ereignissen, wie die Musiktitel, die Sänger, aber auch Fernsehserien, versucht der Autor den Leser mit Erinnerungsstücken in die damalige Zeit zu versetzen. Viele Stränge sorgen für Spannung, stets ist man gefordert, um zu erfahren, welche Gang, welche Leute gerade etwas aushecken wollen.

Besonders Interesse gewann ich an dem Verhältnis der beiden Polizisten Derek Strange (farbig) und Troy Peters (weiß). Über alle Seiten des zweiten Teils hinweg Ihre Annäherung zu lesen, macht allein schon den Roman lesenswert.

Gar nicht gefallen hat mir im Gegenteil im ersten Teil des Romans die Anzahl der eingeführten Figuren, die alle mit Namen und einer Biographie versehen wurden, selbst kleinste Nebenfiguren. Im zweiten Teil ist dann die Fluktuation geringer und man weiß, wer zu wem gehört, um wen es sich handelt und in welchem Stang jeder mitspielt. Heutige TV-Serien und Nachrichten aus den USA zeigen leider immer noch, dass es in der amerikanischen Gesellschaft kaum einen Unterschied zu der damaligen gibt.



George Pelecanos
Hard Revolution

Aus dem Amerikanischen von Gottfried Röckelein
Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg
ISBN 9783869137667

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 19. Juli 2017

Beate Maxian - Mord in Schönbrunn

Die junge Wienerin Valentina Macek führt zusammen mit ihrer Freundin Ruth Neuberg eine gut gehende Hochzeitsagentur und steht kurz vor ihrer Hochzeit mit Felix Beermann, dem skandalfreien Workaholic und Spross einer angesehenen Wiener Hotelier Dynastie. Zwei Wochen vor dem großen Tag stößt sie beim Joggen im Schlosspark von Schönbrunn auf die aufgebahrte Leiche einer jungen Frau. Der Frau, die genau vor 5 Jahren ihren Felix hatte heiraten wollen. Die Journalistin des Wiener Boten Sarah Pauli ist von dem Fundort, einem magischen Ort wie sie meint, so fasziniert, dass sie ihre eigenen Ermittlungen anstellt und damit dem Täter sehr nahe kommt.

Dieser sechste Fall, in dem die Journalistin Sarah Pauli eine Rolle spielt ist für mich die erste Geschichte, in der mich Beate Maxian nach Wien entführt hat. Dieser Fall hat mich so begeistert, dass ich auch die anderen Bücher jetzt noch lesen werde.

Mir gefällt der leicht zu lesende Schreibstil und vor allem die bildhaften Beschreibungen sehr gut. Ich bin von Anfang an mittendrin im Geschehen und mein Kopfkino läuft auf Hochtouren. Mich hat es fasziniert, dass es hier hauptsächlich um ein Märchen der Gebrüder Grimm geht, das als Hochzeitsmotto geplant war – vor 5 Jahren und auch heute. Aber auch die Hochzeitsbräuche, die Mythen und Symbole, mit denen sich Sarah Pauli in ihren Zeitungsartikeln beschäftigt, haben es mir angetan. Beate Maxian hat es geschafft, mich hierfür zu interessieren.

Die sehr abwechslungsreichen, vielschichtigen Protagonisten werden bildhaft beschrieben; jeder hat seine Vorzüge, aber auch sein „Packerl zu tragen“. Sympathien und Antipathien habe ich von Anfang an gleich verteilen können. Auch die Beschreibungen der Handlungsorte in und um Wien gefallen mir sehr gut.

Die Geschichte selbst ist schlüssig aufgebaut, spannend und emotional ab der ersten Seite. Meinen „Mörder“ hatte ich bald gefunden, wurde aber durch einige Wendungen eines besseren belehrt. Mit diesem Ende habe ich nicht gerechnet.

Nicht nur wer Märchen, Mythen und Sagen, sondern auch einen sehr gut ausgefeilten Kriminalfall mag sollte dieses Buch lesen. Mich hat es sehr gut unterhalten und Beate Maxian hat mich mit dieser Geschichte voll überzeugt.

Beate Maxian
Mord in Schönbrunn

Goldmann Verlag, München
ISBN 9783442482962

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 16. Juli 2017

Jutta Wilke - Roofer

Frankfurt am Main: Sie klettern auf die höchsten Gebäude, Brücken und Türme – die Roofer. Allen voran Trasher und Adrian, die sich gegenseitig mit dem Anbringen ihrer persönlichen Zeichen überbieten. Bis Nasti zu ihnen stößt und Trasher von ihr den absoluten Liebesbeweis fordert: sie soll mit ihm klettern. Darf er von ihr eine solche Mutprobe als Liebesbeweis fordern?

Ich habe mich mal wieder auf ein Jugendbuch eingelassen und es absolut nicht bereut. Die Szene der Roofer, bei dem meist Jugendliche oder junge Erwachsene ohne Sicherung auf hohe Gebäude oder Bauwerke klettern um sich dort z.B. zu filmen und diese Filme dann bei YouTube einzustellen. Da dieser „Sport“ verboten ist, sieht man die Roofer meist nur mit Maske oder schwarzer Haube und ihrem eigenen Zeichen als Erkennungsmal. In dieser Geschichte geht es um die Rivalität zwischen einen Balken mit einem stilisierten Vogel und einen grünen Gecko – Trasher und Adrian.

Jutta Wilke beschreibt diese Extremsport-Szene sehr detailliert, eingebettet in eine Geschichte um die Freundschaft zwischen Alice und Nasti und die junge Liebe zwischen Nasti und dem Roofer Trasher. Ich kann die Angst spüren, die Alice um ihre Freundin hat, wenn Nasti neuerdings alle Zweifel und Ängste beiseite schiebt, auch klettern und dem Himmel nahe sein will. Ihre Anhänglichkeit ist beim Lesen gut zu spüren und ihre Verärgerung und ihre Verzweiflung, dass sie Nasti mit ihren Worten nicht mehr erreichen kann.

Ich kenne mich in Frankfurt ein bisschen aus und es fällt es mir leicht mir vorzustellen, wo sich die Gruppe um Trasher und Adrian gerade aufhält und ihrem Hobby nachgeht. Da die Geschichte von Alice erzählt wird, bin ich in ihren Gedanken immer mit dabei. Manchmal möchte ich die Mädels und vor allem die Jungs, die meinen sich immer und immer wieder beweisen zu müssen, schütteln und ihnen bewusst machen, auf welchen Blödsinn sie sich gerade einlassen.

Auch wenn ich diese Art Sport bisher nicht kannte, habe ich mit diesem Buch spannende und unterhaltsame Lesestunden verbracht. Ich durfte die Jugendlichen auf ihrer Suche nach Freundschaft, Anerkennung und Liebe begleiten. Und ich hoffe, dass sie eines Tages zu sich selbst finden werden.

Jutta Wilke
Roofer

Coppenrath
ISBN 9783649615095

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 14. Juli 2017

Kristina Ohlsson: Bruderlüge

Dieser Roman ist ein zweiter Teil zu dem vor wenigen Monaten erschienenen Teil „Schwesterherz". Aber keine Bange! Gute Nachricht für so manchen Leser: Man muss nicht zwangsläufig den ersten Teil gelesen haben. Alle zum Verständnis notwendigen Informationen gibt es in komprimierter Form auch in diesem Thriller.

Die Struktur für die Übersichtlichkeit des Lesens entspricht der von „Schwesterherz". Zu Beginn jedes Kapitels gibt es ein Interview des Protagonisten Martin Benner mit einer Journalistin. Hiermit wird kurz, aber präzis die Spannung für das folgende Kapitel aufgebaut. Ein Stil, den ich bereits in meiner Besprechung zum Vorgänger positiv hervorhob.

Ähnlich wie in anderen Serien (Roman und oder TV) wird der erste Teil zwar mit einer Auflösung abgeschlossen. Doch es gibt da noch einen winzigen Punkt, vielleicht ist er auch nur nebensächlich, der nicht aufgelöst wurde. Diese „winzige Nebensächlichkeit" ist der Ausgangspunkt für „Bruderlüge". Somit beginnt eine weitere Jagd. Den Auftrag dazu hat Martin Benner vom großen Unbekannten mit dem Spitznamen Lucifer. Zum Teufel aber auch, dass Martins Freundin Lucy heißt. Martin ist sich sicher: Den Auftrag Lucifer's kann er nur lösen, wenn er weiß, wer Lucifer ist. Ihm rennt aber offenbar die Zeit davon, während ein Unterstützer von ihm nach dem anderen umgebracht wird und er selbst immer wieder als Tatverdächtiger in den Fokus der Polizei gerät.

Kristina Ohlsson hat auch in diesem zweiten Teil von Martin Benner auf Spannung gesetzt. Immer wieder zwingt sie den Leser zu einer gedanklichen Kehrtwende. Immer wieder scheinen die Spuren ins Nirgendwo zu führen. Das macht riesigen Spaß beim Lesen. Wer den ersten Roman nicht kennt, muss nicht unbedingt davor zurückschrecken, mit dem zweiten zu beginnen. Wer aber die Gelegenheit hat, beide Romane in der richtigen Reihenfolge nacheinander zu lesen, sollte auf dieses spannende Lesevergnügen nicht verzichten.

Kristina Ohlsson
Bruderlüge

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Limes Verlag, München
ISBN 9783809026679
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 12. Juli 2017

Windflüstern von Christine Rath

Hans Ewers lebt mit seiner zweiten Frau, der schönen und viel jüngeren Russin Elena in einem Traumhaus auf Sylt. Hans scheint sie aufrichtig zu lieben; Elena sieht diese Ehe als Geschäft: Schönheit gegen Geld. Als Hans einen Termin bei seinem Anwalt in Hamburg hat, glaubt Elena, Hans wolle sich scheiden lassen. Nun ist guter Rat teuer …

So ruhig und klar wie die Dünenlandschaft oder ein Gemälde (Zitat aus dem Buch) plätschert die Geschichte dahin. Sehr lange Zeit habe ich einen Roman gelesen, bis die kriminelle Handlung seinen Lauf und die Sonderermittlergruppe die Ermittlungen aufnimmt. Aber auch da kommt keine rechte Spannung auf, was mir persönlich allerdings nicht gefehlt hat.

Die wunderbaren Beschreibungen der Insel lassen bunte Bilder in meinem Kopf und eine Sehnsucht nach der Insel entstehen. Die vielfältigen und gut ausgearbeiteten Protagonisten, bei denen ich z.B. die Panik oder die Angst vor Entdeckung fast spüren kann, machen auch diesen leisen Krimi zu einem Lesegenuss. Die Geschichte oder der Fall ist sehr gut ausgearbeitet, nachvollziehbar und in sich schlüssig.

Eine Krimi, der mir mal wieder gezeigt hat, dass es auch ohne großes Blutvergießen und mit sehr leisen Tönen geht und der mir angenehme Lesestunden geschenkt hat.

Christine Rath
Windflüstern

GmeinerVerlag, Messkirch
ISBN 9783839220429

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 9. Juli 2017

Wo ist Jay? von Astrid Korten

Als Jay de Winter nach ihrem gemeinsamen Mädelswochenende spurlos verschwindet, ist ihre Freundin Mia Becker die Einzige, die nach ihr sucht. Ihr Mann Hugo, der angeblich einen Zettel gefunden hat, auf dem Jay schreibt, dass sie ihn und die Kinder verlässt, will noch nicht mal eine Vermisstenanzeige aufgeben. Für die anderen Freunde der Clique, Laura und Thomas, Doreen, Falk und Mias Mann Leon scheint das Verschwinden von Jay keine große Rolle zu spielen. Da eine im Stadtpark gefundene ermordete junge Frau Jay frapierend ähnelt, macht sich Mia die allergrößten Sorgen.

Mia erzählt die Geschichte ihrer Suche nach ihrer besten Freundin. Aber auch die anderen „Freunde“ kommen in Rückblicken zur Sprache und das Verschwinden eröffnet eine ganz neue Seite jedes Einzelnen. Ich konnte mich teilweise sehr gut in die Personen hineinversetzen und die Reaktionen, so abartig sie auch manchmal waren, gut nachvollziehen. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich solche „Freunde“ haben möchte. Aber ich denke, diese zweiten Gesichter der Freunde, geprägt von Neid, Hass, Begehren und Misstrauen, konnten nur durch das Verschwinden ihrer Freundin zum Vorschein kommen.

Die Tatsache, dass es sich hier um einen tatsächlichen Fall und die darin Verwickelten, geschehen in Aachen, handelt, hat mich betroffen gemacht. Durch diese Realität habe ich mich noch mehr „dabei“ gefühlt. Astrid Korten gibt der Geschichte und vor allem den Personen soviel Spannung und Tiefgang, dass ich mich zwingen musste, hier und da das Lesen abzubrechen.

Was ist Freundschaft? Was macht Freundschaft aus? Diese Frage stelle ich mir, nachdem ich das Buch gelesen habe. Über diese Frage werde ich auch mit meinen Freundinnen mal diskutieren.

Ein Buch, das noch lange in mir nachwirken wird.

Astrid Korten
Wo ist Jay?

BoD, Norderstedt
ISBN 9783744802758

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 7. Juli 2017

Robert Harris: Pompeji

Der historische Roman spielt im alten Rom. Hintergrund der menschlichen Intrigen und Korruption ist der Ausbruch des Vulkans Vesuv, der die Stadt Pompeji im Jahre 79 nach Christi in Schutt und Asche legte.

Attilius, zuständig für die Erhaltung des Wassersystems ist gerade zum neuen Aquarius beim Akquädukt berufen, weil der vorherige Aquarius seit vierzehn Tagen spurlos verschwunden ist. Kaum im Amt muss Attilius feststellen, dass das Wasser in den Leitungen der Aqua Augusta zu versiegen scheint. Er macht sich auf, um die Ursache zu finden und gegebenenfalls zu reparieren. Die Gier nach Geld und Macht, die Korruption in der örtlichen Verwaltung hat ihren Anteil an dem desaströsen Zustand des Wassersystems. Doch noch mehr sind es die Bewegungen im Innern des Erdreichs.

Atmosphärisch dicht erzählt wird das Chaos, die Umweltkatastrophe, die sich innerhalb weniger Tage und Stunden abspielt. Erstaunlich scheint die Ingenieurleistung zu sein, die mit der Wasserversorgung im Rom des der damaligen Zeit geschaffen wurde. Dass dieses gut funktionierende System ausgenutzt wird, um privates Vermögen anzuhäufen und Macht zu erlangen, wird zwangsläufig als legitim erachtet.

Harris hat in diesem Wust eine spannende Geschichte um Attilius und seine Widersacher geschaffen, an der entlang der Leser viele Informationen aus der damaligen Zeit ziehen kann. Die Katastrophe des Vulkanausbruchs wird menschlich spürbar. Runtergebrochen auf die Bevölkerung am Golf von Neapel spielen sich Tausende Tragödien ab.

Spannend und interessant!


Robert Harris
Pompeji

aus dem Englischen von Christel Wiemken
Heyne Verlag, München
ISBN 9783453470132

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 5. Juli 2017

An der Ostsee sagt man nicht Amore von Katharina Jensen

Anne Glawe hat erst vor ein paar Stunden ganz im Stillen ihre vermeintlich große Liebe Fabio Bartolini geheiratet, als sie auf ein Geheimnis ihres Mannes stößt, welches sie ausrasten lässt. Noch im Hochzeitskleid stürmt sie aus dem Haus, setzt sich in ihren knallroten Mini und sucht das Weite. Doch wo soll sie hin? Ihr fällt ein, dass sie in ihrer Jugend mal auf der Insel Rügen war und dies wird ihr erklärtes Ziel. Die erste Nacht verbringt sie am Strand und wird am nächsten Morgen auf einen Mann aufmerksam, der ihr bekannt vor kommt. Diesen Mann, Fritz Kliesow, hat sie seinerzeit, als sie mit einem Jugendlager auf der Insel war, als Kusstrainer missbraucht. Heute ist er ein stattlicher Mann, sieht sehr gut aus und ist soooo schweigsam. Seinen Eltern gehört ein kleines Ferienhaus, in welchem Anne erstmal Unterschlupf sucht ...

Katharina Jensens Roman hat mich zum Lesen verführt, weil ich in diesem Jahr erstmals auf der Insel Rügen Ferien machen werde. Und nachdem ich das Buch gelesen habe, freue ich mich noch viel mehr darauf. Die Autorin beschreibt die Gegend und die Menschen in und um den kleinen Ort Zicker so farbenfroh und eindrucksvoll, dass ich mir jetzt schon ein klares Bild machen kann. Wenn ich mir Anne am Strand oder auf Fritz´ Boot vorstelle, meine ich das Meer und den Strandhafer rauschen zu hören und schmecke das Salz auf der Zunge. Ihre Schreibweise lässt sich leicht und flott lesen. Die Geschichte fängt die Traurigkeit, die teilweise tiefe Verzweiflung und die Selbstzweifel der Protagonistin sehr gut ein. Es fehlt aber auch nicht an Humor und Ironie.

Besonders gut herausgearbeitet finde ich die Verwandlung von Anne, die sich von einer, wie mir scheint, selbstverliebten Zicke zu einer bodenständigen jungen Frau, die sie wohl vor Fabio auch mal war, zurück verwandelt. Aber auch Fritz junior entpuppt sich mit der Zeit als ein Mann, auf den man sich blind verlassen kann und der es schafft, auch mal aus sich raus zu gehen. Schön zu lesen finde ich, wie die Beiden doch so total unterschiedlichen jungen Menschen zusammenfinden. Schade, dass im Laufe der Geschichte eine vermeintliche Freundschaft zu Ende geht. Aber lest selbst.

Mir hat diese Sommer-, Strand- und Gute-Laune-Geschichte, die aber auch zum Nachdenken anregt, sehr gut gefallen. Vielleicht begegnen mir ja Anne oder Fritz demnächst sogar.

Katharina Jensen
An der Ostsee sagt man nicht Amore

Heyne Verlag, München
ISBN 9783453418349

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 2. Juli 2017

Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen von Abbi Waxmann

Die Illustratorin Lilian Girvan lebt seit dem Unfalltod ihres Mannes Dan vor 4 Jahren mit ihren beiden kleinen Töchtern Annabel und Claire allein in ihrem kleinen Häuschen. Als sie die Illustration für einen Bildband über Gemüse machen soll, meldet sie sich zu einem Gärtnerkurs an. Hier lernt sie den smarten Kursleiter Edward kennen und sie beginnt ganz langsam wieder an sich und an ein neues Leben zu glauben.

Das wunderschön gestaltete Cover ist mir gleich ins Auge gestochen und ich wollte die mir neue Autorin Abbi Waxman mit ihrem Erstlingswerk kennenlernen. Sie hat mich auch schnell in die Geschichte hineingezogen, die geprägt ist von Lilians Unsicherheit und ihren Zweifeln an sich selbst und in ihre Zukunft. Ihre zerrissene Gemütslage kommt sehr gut zum Ausdruck. In ihrer Schwester Rachel, die so ganz anders ist als sie selbst, hat sie hier eine große Stütze, die versucht, sie wieder ins (Liebes-)Leben zurück zu stoßen. Die beiden Kleinen zaubern mit ihrem Kindermund immer wieder ein Lächeln in mein Gesicht.

Aufgrund des Titels hatte ich eine Liebesgeschichte erwartet. Dem ist nicht so. Vielmehr geht es um die Traueraufarbeitung und den Abriss von Mauern, die Lilian nach dem Tod von Dan um sich herum aufgebaut hat. Da es hauptsächlich um Lilian geht, bleibt leider auch der Mann, der sie aus ihrem Tief holen soll bzw. will, Edward, etwas blass, genau so wie die anderen Personen z.B. aus der Gärtnergruppe.

Neben der eigentlichen Geschichte gibt es immer wieder Tipps zum Säen und Ziehen von Gemüse, was mir sehr gut gefallen hat.

Ein wunderbares, berührendes Buch über die Trauerbewältigung einer jungen Frau mit zwei kleinen Kindern, die langsam ins Leben zurück findet. Von Freundschaft, beginnender Zuneigung und vom Gärtnern. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen.

Abbi Waxmann
Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen

Rowohlt Verlag, Hamburg
ISBN
9783499272769

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© Gaby Hochrainer, München 2017