Montag, 21. Dezember 2009

Gerda - ein Mädchen geht seinen Weg (Leseprobe)


In der Berghütte

Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr. Es soll mit einem gemeinsamen Weihnachtsfest in einer Erzgebirgshütte beendet werden. Gerda hat ihre Patchwork-Familie, d.h. ihren Sohn Jörg mit dessen Frau Ines und deren Mutti Erika sowie den Enkeln Patrick, Mike, Lisa und René, eingeladen. Sie hat alle zusammen in ihr Herz geschlossen. Für sie gibt es keinen Unterschied. Sie ist glücklich, dass Jörg endlich wieder Halt gefunden hat und nicht mehr mit seinen beiden Söhnen alleine ist.
Die Kinder haben für die Zeit von Weihnachten bis Neujahr eine Hütte im Erzgebirge gemietet. Für Jörg ist es der erste längere Urlaub nach Jahren. Seit seiner Selbstständigkeit verzichtet er auf fast jegliche Erholung. Als alleiniger Verdiener und Vater von zwei Söhnen benötigt er jeden Cent und jeden Tag für den Obst- und Gemüsehandel oder den Bau seines Eigenheimes. Er achtet auf seine Gesundheit und treibt Sport, die Umsetzung darüber hinaus gehender Ratschläge fällt ihm jedoch schwer. Urlaub lässt sich mit einer Selbständigkeit schlecht vereinbaren. Dieses erste Jahr mit der großen Familie ist etwas Besonderes und Jörg muss sich eingestehen, dass er ein paar Tage Erholung gut gebrauchen kann.
Der Wetterbericht hält was er versprach. Das Erzgebirge ist tief verschneit, der Weg zur Hütte kaum begehbar. Jörg und die Jungs haben Mühe, ihn jeden Morgen aufs Neue frei zu schaufeln.
Gerda ist froh, dass sie diese Tage alle Familienmitglieder an einem Ort zusammen hat. Die Jungs werden mittlerweile flügge und verspüren keinen großen Drang mehr, mit den Eltern in den Urlaub zu fahren. Aber die diesjährige Wintertour wird von allen als etwas Besonderes gesehen. Die Jungs mussten nicht lange überredet werden, noch ein Mal mit dabei zu sein.
Gerda hat sich vorgenommen, während dieser Tage der Familie aus ihrem Leben zu erzählen. Den Gipfel der Lebensmitte hat sie überschritten und seit dem Tod ihres Mannes Bernd viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Es scheint eine gute Gelegenheit zu sein.
Der erste Weihnachtstag lädt besonders dazu ein. Am Vormittag toben die Enkel draußen im Schnee, vergnügen sich mit Ski und Rodel. Jetzt, am Nachmittag, kurz nach dem Essen, liegen sie mit vollen Bäuchen auf ihren Betten oder in den Sesseln der Hütte. Im Kamin knistert das Holz. Angesengte Fichtenzweige verbreiten ihren Duft im Raum. Draußen hat es wieder zu schneien begonnen. Gerda ruft alle zusammen: „Kommt doch bitte mal alle in die Stube. Ich möchte euch gerne etwas erzählen.“
Mike nörgelt herum: „Oma, muss das denn sein? Ich bin noch so kaputt.“
„Du kannst Dich doch hier in der Stube ausruhen. Bringt Euch Kissen mit herunter und wer keinen Platz auf einem Sessel findet, kann sich auf den Fußboden setzen. Es wäre schön, wenn ihr alle dabei wärt.“
Gerdas Wunsch mag schließlich keiner abschlagen. Manch einer der Enkel findet sich trotz rollender Augen in der Stube vor dem Kamin ein. Gerda beginnt zu erzählen.
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Wie Gerda ihre Kindheit erlebte

Der Anfang in schweren Zeiten
Wie ihr alle inzwischen wisst, bin ich weit oben im Norden geboren, in der mecklenburgischen Stadt Hagenow nur wenige Kilometer von der Landeshauptstadt Schwerin entfernt. Das ist nun schon einige Jahre her und es war am Kindertag, dem ersten Juni im Jahr 1939. Der Tag wurde damals zwar noch nicht gefeiert, aber seit 1920 gab es ihn in der Türkei und seit 1925 in vielen weiteren Staaten.
1939 ist das Jahr, in welchem am 31. August als polnische Freischärler verkleidete SS-Angehörige einen Überfall auf den Sender Gleiwitz vortäuschen und damit die Rechtfertigung für den Kriegsangriff auf Polen liefern, der prompt am nächsten Morgen mit dem Einmarsch deutscher Truppen beginnt. Gleichzeitig werden damit die Beistands- und Kooperationspakte (die englisch-französische Garantieerklärung und der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt) aktiviert. Die Briten und Franzosen fordern Hitler auf, sich aus Polen zurückzuziehen. Der Zweite Weltkrieg in Europa beginnt. Nur zwei Tage später erklären Frankreich, Großbritannien, Australien und Neuseeland dem Deutschen Reich den Krieg.
Zu der Zeit wohnten meine Eltern in der Hamburger Straße. Das Haus, in welchem ich geboren wurde, war ziemlich groß. Ich verbrachte dort meine ersten Jahre.
Bei meiner Geburt muss ich ein gesundes Baby gewesen sein, denn sowohl von meiner Mutti als auch von anderen Verwandten habe ich später nicht gehört, dass es irgendwelche Komplikationen bei meiner Entbindung gab. Ich war nicht das erste Kind. Als ich das Licht der Welt erblickte, hatte ich eine Schwester. Gisela, die wir später ihr ganzes Leben lang immer nur Gischi nannten, war zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Jahre alt.
Der 1. Juni 1939 ist ein besonderer Tag für die Radrennfahrer damals. Es beginnt in Deutschland das längste Radrennen der Welt. Die Deutschland-Rundfahrt übertrift ihr eigenes Vorbild, die Tour de France. Leider ist dieser Größenwahn an der Tagesordnung.
Von dem dreiwöchigen Etappenrennen, welches über eine Strecke von  5038,2 km verläuft, soll ein gewaltiger Werbeeffekt für den Radsport, die deutsche Fahrradindustrie und den internationalen Rundfahrt-Gedanken ausgehen. Am Morgen dieses Tages starten Mannschaften aus der Schweiz, Dänemark, Belgien, Frankreich, Holland, Spanien und Deutschland. 68 Sportler hatten sich für das Rennen gemeldet. Während der etwas mehr als drei Wochen werden 20 Etappen absolviert, an vier Ruhetagen bekommen die Teilnehmer eine Verschnaufpause.
Meine Großeltern
Ich hatte mit dem Großelternteil mütterlicherseits häufiger Kontakt als mit dem meines Vaters.
Die Eltern vom Vater kannte ich nicht besonders gut. Sie hatten in der Bahnhofstraße in Hagenow in dem Nachbarhaus des damaligen Fotografen Hasse gewohnt. Die Oma habe ich als sehr klein und zierlich in Erinnerung. Opa Johann kenne ich mit einem großen weißen Rauschebart und immer einer Tabakspfeife, die aus dem Bart herausschaute.
Die Mutter meiner Mutti hieß Anna Blin. Mein Großvater hieß Robert Lehni. Sie waren nicht verheiratet. Er hatte viel in der Schweiz gearbeitet. Sie lebten auf dem Lande. Was anderes gab es für uns in Mecklenburg nicht. Das Leben spielte sich auf dem Lande ab. Sie lebten mit Pferden, Kühen, Schweinen und anderen Tieren auf den Höfen.
Meine Oma nannten wir „Oma Blin“. Wenn ich an sie denke, finden meine Gedanken unwillkürlich den Weg zur Großherzigkeit meiner Eltern Lisbeth und Paul. Sie waren sehr angenehme Menschen und hatten Oma Blin bei sich aufgenommen, als es ihr gesundheitlich nicht mehr gut ging. Geistig war sie zwar bis zu ihrem Tode sehr fit, ihre Beine hatten ihr jedoch sehr früh den Dienst quittiert. Sie hatte sogenannte „offene Beine“ und konnte bald gar nicht mehr laufen. Oma hatte eine Zeit lang ihr Bett sogar im Wohnzimmer. Nach dem Tod meines Vaters 1959 kümmerte sich mein Schwager Gerhard um die Oma. Er trug sie morgens aus dem Bett in die Küche und abends wieder zurück, weil sie die wenigen Schritte nicht hätte alleine gehen können. So war sie bis zuletzt in die Familie integriert. Meine Mutti hatte eine sehr lobenswerte und schwere Pflegearbeit geleistet.
Zu Beginn 1959 wird der kubanische Diktator Batista aus dem Land gejagt und Fidel Castro kommt, unterstützt durch Ché Guevara, an die Macht. Im November dieses Jahres wird das Godesberger Programm der SPD verabschiedet. In der DDR werden die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), in welche viele Bauern zuvor „freiwillig“ eintraten, zur Pflicht. Die erste Barbiepuppe erblickt das Licht des Marktes.
Die Lieblingsspeise von Oma Blin war Bückling, den es bei uns nicht immer zu kaufen gab. Wenn ihre Kinder aus dem Westen zu Besuch kamen, brachten sie immer Bücklinge mit. Das wünschte sie sich so sehr und ihre Freude war riesig, wenn sie die Fische auspacken konnte.
Über meinen Großvater, Robert Lehni, weiß ich nur, dass er lange Zeit in der Schweiz lebte und von dort wunderbare Pakete nach Gammelin schickte. An diesen Ort wenige Kilometer von Hagenow zog es meinen Opa in hohem Alter hin. Dort hatte ich ihn kurz kennen lernen dürfen. Er war sehr groß und kräftig. Noch heute wohnen Verwandte mit demselben Familiennamen dort. Ein Bruder meiner Mutti lebte dort und arbeitete als Melker. Wenn ich mal dort war, gab es immer diese schönen Käseecken, die Robert Lehni aus der Schweiz geschickt hatte, oder auch Kakaopulver. Es war wie Weihnachten, wenn die Oma von ihrem Mann solch ein Paket bekam.
Der Opa wurde später auf dem Friedhof in Hagenow beigesetzt, eine Grabstelle, die wir viele Jahre pflegten, bis die Pacht abgelaufen war.
Cousine und Cousin
Neulich überraschte mich ein Anruf. „Weißt du, wer hier anruft?“ Die Stimme, es war eine weibliche Stimme, kam mir bekannt vor, aber richtig einordnen konnte ich sie nicht. Deshalb antwortete ich ganz vorsichtig: „Na, mir kommt das so vor, als wenn dies ein Anruf aus Hagenow wäre.“ „Da bist du gar nicht mehr weit weg“, sagte sie. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war eine Cousine, die mit ihrer Familie in Thüringen lebt. Sie sagte: „Über die Auskunft habe ich mir jetzt Deine Telefonnummer geben lassen und wollte endlich mal wieder die Gerda anrufen.“
Das gibt es nicht, dachte ich mir. Meine Freude war riesengroß. Sie erzählte mir viel über ihre Geschwister in Gammelin. Ihre Mutti wäre jetzt über achtzig Jahre alt. Von den vielen Jungs hatte außer einem keiner geheiratet. Alle hocken bei ihrer alten Mutter zu Hause. Wenn sie die Augen schließt, ist nicht abzusehen, was aus denen wird.
Über einen ihrer Brüder hatte Mutti manchmal gesagt: “Passt bloß auf, der macht immer so.“ Dabei griff Mutti mit der rechten Hand etwas aus der Luft in einer drehenden Bewegung. Er war immer ein herzenslieber Junge, aber man wusste nie, woher seine Geschenke stammten. Es blieb so ein Fünkchen Skepsis an dem Geschenk hängen.



Ein Bild meiner Eltern


Meine Eltern hießen Lisbeth und Paul Meincke. Meine Mutti war eine geborene Blin und soweit ich weiß, in Berkenthin im Kreis Herzogtum Lauenburg geboren. Mein Vater stammt aus Scharbow, einem kleinen Dorf bei Hagenow und wuchs auch dort auf.
Beide hatten sich bei der Landarbeit kennen gelernt. Das war in der Nähe von Boizenburg, in dem kleinen Ort Tessin. Sie arbeiteten auf einem Gut. Wie es damals immer so schön hieß: sie waren „in Stellung“. Der Papa arbeitete draußen auf dem Felde und  Mutti war als Kindermädchen tätig. Papa fuhr bereits die Pferdekutschen, mit denen er sich seinen Ruf als Fuhrunternehmer aufgebaut hatte.


Beide arbeiteten zunächst noch auf dem Gut in Tessin als sie zur Miete in der Hamburger Straße wohnten. Ich sehe Vati noch vor mir, wie er allabendlich in Reithosen und Stiefeln nach Hause kam. Er arbeitete meist als Kraftfahrer, unter anderem fuhr er bei der Bäckerei Franz einen Lkw. Von 1936 bis 1939 fuhr er bei der Firma Stoll einen Traktor und während der Kriegsjahre von 1939 bis 1945 in der Hagenower Käserei wieder einen Laster.
Obwohl meine Mutti nach Giselas Geburt nie wieder eine feste Stelle annahm, zog sich dennoch eine Sache durch ihr ganzes Leben: Sie war mit Leib und Seele Kindermädchen und eine hervorragende Erzieherin. So lange sie lebte, hatte sie nicht nur uns beiden Mädels erzogen, sondern es schwirrten immer wieder Kinder im Haus herum. Sie wurde von Nachbarn und Bekannten ohne viel Mühe überredet, bitte wieder „ein letztes Mal“ Kindermädchen zu sein. Das war ihr Leben.
Als Gisela und ich da waren, kümmerte sie sich mit Hingabe um die Familie. Jetzt war sie nur noch Hausfrau, während Papa das Geld heran schaffte. Mutti schmiss den gesamten Haushalt nahezu alleine. Wir Mädchen durften dabei helfen, solange es uns Spaß machte.

Eine politische Richtung hatten meine Eltern nicht vertreten. Zumindest hatte ich sie damals nicht verspürt und auch heute könnte ich sie im Wirken meiner Eltern nicht auffinden. Ich wüsste nicht, dass sie jemals in einer Partei gewesen wären. Wohl aber würde ich behaupten wollen, dass sie sich modern, tolerant und liberal verhielten.
Von Fotos her weiß ich, dass der Vater bei der Freiwilligen Feuerwehr in Hagenow mitgemacht hatte. Ich selbst habe ihn aber nicht mehr in Uniform in Erinnerung. Von Mutti weiß ich noch, dass sie zu diesem Zeitpunkt als Köchin bei einem Bäcker auf dem Breitscheidplatz gearbeitet hatte. Ich glaube, diese Bäckerei lag neben dem Lebensmittelladen und heute gibt es dort immer noch eine Bäckerei.

Eigene Erinnerungen an die Wohnung in der Hamburger Straße habe ich nicht. Ich kenne sie nur aus Erzählungen und von den wenigen Fotos. Deshalb sind meine ersten Erinnerungen an zu Hause mit dem Haus in der Hagenower Siedlung verbunden. Der Umzug muss Anfang der vierziger Jahre erfolgt sein. Es war der einzige Umzug, den ich in der Kindheit erlebte. Das Haus in der Siedlung haben wir bis etwa 1992 besessen. Meine Mutti hatte bis zu ihrem Tod darinnen gewohnt. Die Siedlungshäuser waren im Dritten Reich im Rahmen von Hitlers Wohnungs- und Siedlungspolitik als „volkspolitische“ Aufgabe gebaut worden. In Deutschland herrschte zu dieser Zeit Wohnungsnot und so wurden Häuser und Kleinsiedlungen für die Bevölkerung geschaffen. Die Siedlungshäuser bei uns gehörten den „Heimstätten Mecklenburgs“ in Schwerin, welche über ein Vorkaufsrecht verfügten.
Die Ehe meiner Eltern empfand ich immer als tolerant. Zwischen Mutti und Vati gab es zwar hin und wieder Meinungsverschiedenheiten, aber sie verliefen meist ruhig. Es war einfach nicht viel davon zu spüren. Das finde ich selbst heute noch bemerkenswert, weil Mutti keine von den stillen Frauen war. Sie wird meinem Vater schon ihren Standpunkt mitgeteilt haben. Doch es geschah ohne lauten Krach.
Ein Streitpunkt zwischen ihnen war oft das Geld. Mutti konnte sehr schnell ausgeben, was Papa mühselig verdiente. Er konnte besser sparen. Damit sie ein bisschen mehr davon hatten, versuchte er, sie zu überlisten. Er brachte das Geld zu seiner Schwester, die es aufbewahren sollte. Mutti durfte nichts davon erfahren.
Eines Tages an Weihnachten flog dann alles auf. Mutti hatte kein Geld zum Wirtschaften und Papa kaufte noch Weihnachtsgeschenke. Also hatte er doch Geld. Das Vertrauen zwischen den beiden schien dieses Weihnachten sehr stark erschüttert.
Trotz der überwiegend harmonischen Ehe wurde mein Vater kurz vor seinem Tode ein bisschen eifersüchtig. Dies geschah eines Abends, als wir mit Freunden und Nachbarn im Kulturhaus in Hagenow-Land waren. Dort gab es Tanzveranstaltungen, Vereinsfeiern und es war öfters etwas los. An besagtem Abend hatte Vati etwas viel getrunken. Sein ganzes Theater muss totale Eifersucht gewesen sein, gepaart mit Alkohol. Mutti war lebenslustig und kein Kind von Traurigkeit. Während der Tanzveranstaltung hatte ich mitbekommen, dass sie besonders glücklich war und mit verschiedenen Männern geflirtet hatte. Jedenfalls war am nächsten Morgen die Lampe im Schlafzimmer meiner Eltern halb abgerissen und das Bild an der Wand hing schief. Als sich die beiden den Abend zuvor gestritten hatten, hatte ich versucht, Mutti aus dem Zimmer heraus zu holen, aber sie wollte partout nicht mit mir gehen. Sie hatte immer gesagt: „Mein Bett ist hier, deshalb schlafe ich auch hier“. Irgendwann hatten die beiden immerhin ihre Ruhe gefunden. Dieses war der einzige Streit meiner Eltern, bei dem mir angst und bange um meine Mutter und die Ehe der beiden war. Wie sich herausstellte, schließlich unbegründet. Am Tag danach schienen beide wieder ein glückliches Ehepaar zu sein.
Auf welche Weise sie sich an diesem Abend wieder zusammen gerauft hatten, hatte ich nie erfahren. Entweder war ich an dem Abend eingeschlafen oder mit meinen Freunden wieder zum Tanz zurückgegangen. Später hatte ich mit Mutti nie wieder über diesen Abend gesprochen.
Wenn ich sage, die beiden hatten einen Krach, der mir Angst machte, dann war das nur vom Lärm und Geschrei verursacht. Wegen der schiefen Möbel hatte ich heimlich darauf geachtet.
Erst viel später nahm ich wahr, dass sie beide nach diesem Krach an keiner Tanzveranstaltung mehr teilnahmen. Sie blieben lieber zu Hause und gingen so den Eifersüchteleien aus dem Weg.
Als Papa starb, war Mutti noch jung an Jahren. Wir wohnten bereits einige Jahre in der Siedlung von Einfamilienhäusern mit Gartengrundstück und pflegten eine sehr gute Nachbarschaft. Mutti wurde ganz in die Gemeinschaft aufgenommen und nahm an den Familienfeiern fast jedes Nachbarn teil, an Geburtstagen, Hochzeiten oder ähnlichen Feiern. Es blieb nicht aus, dass sie nach Papas Tod viele Angebote von alleinstehenden Männern erhielt. Ich hatte sie einmal gefragt, warum sie denn keines dieser Angebote annehmen wollte. „Um Gottes willen, nein, lass mich bloß in Ruhe damit. Ich will nicht wieder“, hatte sie geantwortet. Sie war der Meinung, dass sie ihm auch nach seinem Tode noch die Treue halten müsse. Davon ließ sie sich auch nicht von einem Nachbarn, der in der Ulmenallee in der Siedlung lebte und sie sehr gerne geheiratet hätte, abbringen. Dessen Heiratsanträge lehnte sie vehement ab. Verstärkt wandte sie sich wieder der Kinderbetreuung zu. Damit war sie fast bis an ihr Lebensende glücklich und zufrieden.
Mutti war ziemlich modern, sie orientierte sich nicht an dem Vergangenen, sondern war stets der Zukunft zugewandt. Sie war sehr tolerant und offen für moderne Technik. Egal, ob es sich um ein Radiogerät, ein Fernsehgerät oder einen Kühlschrank handelte. Mutti hatte keine Scheu davor. Sie probierte ständig neue Sachen aus. Aber diese Offenheit beschränkte sich nicht nur auf neueste Technik. Ihr Umgang mit anderen Menschen, ihr positives Denken und Nachvorneschauen, ihre Herangehensweise an die moderne Zeit zeichneten sie aus und gefielen nicht nur mir, sondern auch meinem Mann Bernd. Er hatte später gesagt: „Ich hatte die allerbeste Schwiegermutter, die es je gab.“ Bernd war gerne zu ihr nach Hagenow gefahren.
Bewundernswert fand ich immer, dass Mutti nie geklagt hatte, egal welche Wehwehchen es waren, ob Hüfte, Knie, Hexenschuss oder Erkältung. Auf ihre Leiden oder Krankheiten angesprochen sagte sie immer: „Das muss von alleine wieder weggehen.“
Als es eines Tages mit ihrer Hüfte nicht mehr ohne weiteres ging, hatte ich von Karl-Marx-Stadt aus die Operation in Rostock vorbereitet. Ich hatte den dortigen Chefarzt darum gebeten, weil Mutti in ihrem Alter alleine in einem Häuschen wohnte.
Nach dem Eingriff telefonierte ich täglich mit ihr. „Ich bin wie neu geboren“, hatte sie immer wieder gesagt. Ihre Schmerzen waren wie weggefegt, bis sie dann einige Jahre später die Schmerzen in den Knien bekam.
Allmorgendlich rieb sie ihre Knie mit einer Salbe ein. Leider hatte ich damals noch nicht richtig verstanden, dass der Schmerz von dem einen Gelenk, der Hüfte, die operiert worden war, nun zu dem anderen Gelenk gewandert war und dass es sich dabei um dieselbe Ursache handelte. Heute, da ich selbst in dem Alter bin, in dem damals meine Mutter war, kann ich das viel besser verstehen und würde liebend gerne noch einmal mit Mutti über alles reden.
Alles in allem würde ich meine Mutti als Optimistin bezeichnen. Ihre Lebensfreude, ihre Späße sind alles Merkmale, die keinen Pessimisten auszeichnen. Wenn die Attribute Warmherzigkeit, Fürsorglichkeit, Zuneigung und Zuverlässigkeit in einem Menschen vereint sein sollten, dann ist es in jedem Fall meine Mutter, auf die sie zutrafen.
Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das war der Lebensinhalt meines Vaters. Er war ein liebevoller, aber strenger Vater und hatte gewisse Vorstellungen, die er in seinem Leben gerne umgesetzt hätte. Aber er hatte dafür nie seine Hand gegen mich erhoben. Das war für die damalige Zeit etwas ganz Besonderes. Letztendlich hatten wir gerade die Zeit hinter uns, in der die Lehrer ihre Schüler mit der Gerte züchtigen durften.


Vati war tierlieb. Er mochte Hunde über alles. Unsere kannten ihn ganz genau. Wenn er von der Arbeit kam und mit seinem Lkw oben an der Chaussee in unsere Straße einfuhr, spürten sie das und begannen zur Begrüßung zu bellen. Sie bellten solange, bis er aus dem Laster ausgestiegen war und ihren Willkommensgruß ganz persönlich erwiderte. Das war wie ein festes Ritual. Erstaunlicherweise mussten wir später feststellen, dass alle Hunde kurze Zeit nach dem Tod von Vati ebenfalls verstorben waren. Die Tiere mochten ihn und er mochte sie.
Die viele Arbeit von Papa hatte mich nicht gestört. Seinerzeit ging der Mann arbeiten, um das Geld für die gesamte Familie nach Hause zu bringen. Deshalb verbrachte er nicht viel Zeit mit der Familie. Dennoch bemühte er sich stets, sich für uns die Zeit zu nehmen und so manches Mal hatte er mit mir gespielt und getobt.
Bis 1930 hatte der Vater in der Landwirtschaft häufig als Kutscher gearbeitet. Danach war er Kraftfahrer, oder auch Traktorfahrer. Schon auf dem Feld hatte er die Landmaschinen, Pferdewagen und -kutschen gefahren. Am 10. Juli 1945 hat er sich dann als Kraftfahrer selbstständig gemacht und das Fuhrunternehmen, heute würde man wohl Spedition sagen, gegründet. Die Genehmigung erhielt er von der sowjetischen Kommandantur, die auf dem Militärflugplatz in Hagenow ihren Standort hatte. Selbst heute staune ich, was mein Papa für Energie hatte, um so eine eigene Firma aufzubauen.
Ich erinnere mich an eine Geburtstagsfeier einer lieben Nachbarin. Mein Vater arbeitete in der Zeit für die Molkereien und sammelte bei ihnen täglich die Butter ein, um sie in den Wismarer Hafen zu bringen, wo sie auf Schiffe verladen und in die Sowjetunion (heute Russland) gebracht wurde. Täglich fuhr er eine andere vorgegebene Route. An dem besagten Geburtstag wurde nachmittags und abends tüchtig gefeiert. Papa hatte so manches Mal den Schnaps nicht ausgeschlagen und abends kräftig einen hinter die Binde gekippt, wie wir immer sagten. Plötzlich fiel ihm ein: „Menschenskinder, wir waren heute gar nicht in Zarrentin.“ In seinen Hausschuhen stürmte er torkelnd in die Garage und sprang auf den Lkw. Ich hatte gerade noch Zeit genug, ebenfalls auf den Lkw zu springen und dann ging es ab in Richtung Zarrentin zur Molkerei. So holten wir schließlich noch die Butter ab. Auf der Fahrt zurück nach Hagenow lief uns eine Katze über den Weg, sie lief von rechts nach links. „Das bringt uns Glück!“, sagte Vati. Dabei schwenkte er mit dem Lkw hinter der Katze her. Mir wurde himmelangst dabei. Diese Aktion werde ich nie vergessen. Nur frage ich mich heute noch: wo hatten wir die Butter gelassen? Wir waren an diesem Abend nicht mehr zum Kühlhaus gefahren und müssten sie nachts auf dem Lkw gelassen haben. Unter solchen Umständen wäre sie in der Molkerei besser aufgehoben gewesen.
Sexuelle Aufklärung spielte zu Hause keine Rolle. Obwohl ich meine Eltern für modern hielt, benahmen sie sich in dieser Angelegenheit etwas verklemmt. Ich hatte sie beispielsweise nie nackt gesehen. Trotz unseres schönen Badezimmers. Sie hielten sich immer bedeckt und achteten darauf, dass die Badezimmertür abgeschlossen war und ich nicht unversehens hineinstürmen konnte.
Mir ging es aber nicht anders. Schließlich war ich von ihnen erzogen worden. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Eines Tages sollte ich dem Vati meinen Po zeigen, weil ich dort einen Pickel hatte. „Das musst du mal dem Papa zeigen“, hatte Mutti gesagt. Da hatte ich mich gewehrt, bis zuletzt. Meinen Po sollte Vati keinesfalls zu sehen bekommen.
Etwas später, als meine Schwester Gisela ihren Freund Gerhard mit nach Hause brachte, war das wieder ganz anders. Vor ihm hatte ich mich nicht so scheu angestellt und keine Scham, mich vor ihm nackig zu bewegen.
Die Unnachgiebigkeit meiner Eltern zeigte sich, als ich zwar noch sehr jung, aber alt genug war, um schon nach den Jungs zu schauen. Vorher hatte ich meine Eltern gar nicht als streng empfunden. Aber wenn es um Jungs ging, hätte ich sie manches Mal auf den Mond schießen können. Sie passten auf, dass ich nicht zu früh mit den Jungs flirtete. Das war ihnen sehr wichtig. Man darf nicht vergessen, dass es seinerzeit nicht schicklich war, wenn ein junges, unverheiratetes Mädchen schwanger wurde. Sie wollten mich vor diesem unheilvollen Ereignis schützen.


Ich kann mich nicht daran erinnern, mich als Kind mit meiner Mutter gestritten zu haben. Wahrscheinlich wird es die üblichen Bockigkeiten eines Kindes gegeben haben, was ich nicht abstreiten möchte. Bemerkenswert war es sicherlich nicht. Erst als ich älter war, gab es eine Situation, die zu einem Streit führte, den ich nicht von der Hand weisen kann:
Als uns der Hamburger Freund eines Cousins besuchte, sperrte mich Mutti ein. Wir hatten uns ineinander verguckt. Einmal war ich ihr ausgebüxt. Bis zur Badeanstalt in der Bekow war ich gelaufen und hatte an der frischen Luft meine Wut abreagiert. Als ich nach Hause zurückkam, wollten Mutti und Vati mich zu fassen kriegen. Ich war in die Garage geflüchtet und um den Lkw herumgelaufen, obwohl es dort so eng war. Ich glaube, dies war der einzige Moment in meiner Kindheit, an dem ich ganz kurz davor stand, eine Tracht Prügel zu beziehen. Eines zeigt dieser Vorfall ganz deutlich: wenn es um Jungs ging, dann hatten meine Eltern auf mich aufgepasst. Dann kam ihre Strenge richtig zum Vorschein. Damals hatte ich sie natürlich dafür gehasst. Später musste ich eingestehen, dass ich ihr Verhalten verstand. Besonders in diesem Fall, denn der junge Mann war tatsächlich ein Taugenichts.
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Detlef Knut
Gerda - ein Mädchen geht seinen Weg
2009, Edition Oberkassel, Düsseldorf
ISBN: 978-3-83706-804-7
Preis: 12,95 €

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