Sonntag, 22. Januar 2017

Katrin Lachmann - Jack the Ripper und der Erbe in Görlitz

Der junge Görlitzer Fahrradkurier Marco Petzold bekommt von einem Londoner Rechtsanwalt ein Schreiben, das ihn als Alleinerben einer gewissen Abigail Smith ausweist. Mit der Assistentin seines Görlitzer Rechtsanwaltes Carolin Lobner macht er sich auf den Weg nach London und auf in ein turbulentes Abenteuer ...

Katrin Lachmann nimmt mich mit auf die Spuren von Jack the Ripper von 1887 bis 1890. Aber nicht er ist in diesem Krimi die Hauptperson, sondern Marco und Carolin. Sie begeben sich auf die Suche nach den Hintergründen zu Marcos Erbe. Eine leichte Spannung liegt während der gesamten Erzählung in der Luft. Obwohl es immer wieder Tote gibt, habe ich den Krimi als sehr leicht und undramatisch empfunden. Trotzdem hat er mich total gefesselt.

Die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen den beiden Hauptprotagonisten lockert die Geschichte auf und stört die Krimihandlung nicht.

Besonders fasziniert haben mich die Beschreibungen der Örtlichkeiten. Seien es die Straße von London oder der Highgate Cemetery oder die kleinen Beschreibungen von Görlitz. Immer fühle ich mich gleich mittendrin und gut aufgehoben. Vorallem haben sie mich neugierig gemacht.

Wer Krimis mag, die nicht so ganz der heutigen Norm entsprechen; eine Geschichte sucht, die gut recherchiert und solide ausgearbeitet ist und wer nicht in Blut schwimmen will – der ist hier genau richtig.

Ich hoffe, bald mehr Spannendes von Katrin Lachmann, die mich mit ihrem Schreibstil in ihren Bann gezogen hat, lesen zu können.


Lachmann, Katrin
Jack the Ripper und der Erbe in Görlitz

edition oberkassel Verlag, Düsseldorf
ISBN 9783958130708

bei Amazon kaufen

© Gaby Hochrainer, München 2017

Mittwoch, 18. Januar 2017

Tatjana Kruse: Glitzer, Glamour, Wasserleiche

Die Autorin präsentiert mit diesem Roman eine sehr amüsante Kriminalkomödie. Obwohl gleich zu Beginn eine Leiche im Bodensee versenkt wird, rückt der Kriminalfall über lange Strecken in den Hintergrund. Dafür stehen die Figuren, ihre Dialoge und Eigenschaften, im Vordergrund und amüsieren den Leser. Allen voran Pauline Miller, die als Opernsängerin in Bregenz spielen soll. Auf dem Weg zum ersten Gespräch mit der Festspielleitung und dem neuen Team hat sie ihren Vater im Schlepptau, der sie mit seinem Besuch überraschen wollte. Der und auch Ihr Hund Radames, ein Bostonterrier, haben keinen unwesentlichen Anteil daran, dass sie über zwei Stunden zu spät kommt und das Buffet schon fast abgeräumt ist.

Die Ermittlungsarbeit von Polizisten oder Detektiven wird der Leser hier vergeblich suchen. Das passiert eher alles rein zufällig und nebenbei zwischen der Selbstfindung der sich als Diva gebärdenden Sängerin und den oberflächlich dahinplätschernden Dialogen. Der aufmerksame Leser jedoch wird schnell feststellen, dass das Lamentieren gar nicht so oberflächlich ist, wie es daherkommt, und dass daraus sehr viel Aktualität aus dem Alltag eines heutigen Menschen spricht. Zwar taucht die Leiche immer wieder mal auf, wird aber von der Entführung erst des einen Hundes Radames und anschließend des Nachbarhundes Pogo in den Hintergrund gedrängt. Bis dann plötzlich klar ist, wer die Leiche ist und von wem sie umgebracht wurde.

Tatjana Kruse, die für schwarzhumorige und satirische Kurzgeschichten bekannt ist, hat für den vorliegenden Roman einen solchen geschwätzigen Plauderton entwickelt, dass es kaum aufzufallen scheint, dass gar nicht ermittelt wird. Dafür stehen alltägliche Situationen im Vordergrund, die jeder Leser in der einen oder anderen Weise schon erlebt hat. Auch scheinen die einzelnen Figuren in der Geschichte keine Unbekannten zu sein. Jeder Leser findet sie in seinem Bekanntenkreis.

Das ist fantastisch und macht Spaß beim Lesen. Empfehlenswert nicht unbedingt für hart gesottene Krimifans, aber für Leser, die Witz, Humor und Satire mögen.

Kruse, Tatjana
Glitzer, Glamour, Wasserleiche

Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
ISBN 9783852189789

bei Amazon kaufen

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Freitag, 13. Januar 2017

Adèle Bréau - Fast perfekte Heldinnen

Mathilde, Alice, Lucie und Eva leben mit ihren Männern und Kindern in Paris und sind seit Jahren die allerbesten Freundinnen. Alle um die Vierzig schleicht sich in den Beziehungen der Frust oder der noch immer nicht erfüllte Kinderwunsch ein. Gerade haben sie alle zusammen einen wunderschönen Sommer bei gutem Essen und Wein in der Provence verbracht, als sich in der ein oder anderen Beziehung die ersten Risse zu einem großen Spalt ausweiten. Mathilde und Max streiten sich mehr als zuvor; Alice, die von ihrem Adrien getrennt lebt, lebt in ihrem Beruf als Köchin auf; Eva, die schon so lange auf Nachwuchs hofft, Vincent aber immer wieder auf Geschäftsreise ist, trifft auf Jacques und verbringt mit ihm traumhafte Stunden. Nur Lucie scheint mit ihrem Leben und den drei Lindern restlos zufrieden zu sein.

Die Autorin schafft es brillant, mich sofort in die Geschichte hineinzuziehen. Ich fühle mich wohl zwischen den Freundinnen und kann mich sehr gut in sie hineinversetzen. Anders als bei uns, geht in Frankreich fast jede Frau Vollzeit arbeiten und muss sich daher zwischen Arbeit, Haushalt, Kindern, Ehemann und ihren eigenen Bedürfnissen zerreißen. Die verschiedenen Probleme der Freundinnen, aber auch ihre Zusammengehörigkeit kommen sehr gut rüber.

Durch den kurzweiligen, leicht zu lesenden Schreibstil bin ich nur so durch die Seiten geflogen. Es wird nie langatmig oder langweilig, weil immer bei einer der Damen irgendetwas passiert. Auch die Dialoge, die sie führen, haben mich gut unterhalten und hier und da sogar zum Nachdenken angeregt.

Eine wunderbar unterhaltende Geschichte, die bei mir Lust auch auf das Buch der Männer und ihre Sicht macht.


Bréau, Adèle
Fast perfekte Heldinnen
Ullstein Verlag, Berlin
ISBN
9783548613253

bei Amazon kaufen

© Gaby Hochrainer, München 2017

Mittwoch, 11. Januar 2017

Susanne Rößner - Sparifankerl

Da ich Regionalkrimis mag und immer gerne neue Autorinnen mit ihren Kommissaren und Kommissarinnen kennenlerne, habe ich mich auf "Sparifankerl" von Susanne Rößner gestürtzt und war gespannt, wie Kommissar Sauerwein und sein Team ermitteln.

In diesem neuen Fall geht es um häusliche Gewalt, von der auch immer mehr in den Medien berichtet wird.

Im Raum Rosenheim sterben auffällig viele Männer in den besten Jahren an Herzversagen. Auch eine zweite Leichenschau vor der Kremierung bringt keine weiteren Erkenntnisse. Aber Rechtsmediziner Dr. Amadeus Dyrkhoff, immens von sich eingenommen, aber mit großen Respekt vor den Toten, hat ein ungutes Bauchgefühl. Zusammen mit seinem Team nimmt Hauptkommissar Martin Sauerwein schließlich die Ermittlungen, die sich als sehr schwierig herausstellen, auf. Bald stoßen sie auf Ungereimtheiten und auf Zusammenhänge zwischen den einzelnen Todesfällen. Doch wie ermittelt man aufgrund einer Vermutung?

Obwohl ich die ersten beiden Fälle des Kommissariats Rosenheim nicht kenne, haben sich mir nur für diesen Fall unwichtige Fragen aufgetan. Sie stacheln nur an, die ersten beiden Bücher auch noch zu lesen, was ich auch bald tun werde.

Der flotte, leichte Schreibstil hat es mir fast unmöglich gemacht, das Buch aus der Hand zu legen. Dazu eine Spannung, die sich bereits am Anfang breit macht, zwischendrin etwas an Fahrt verliert und zum Schluss zur Höchstform aufläuft. Aber auch die unspektakulären Seiten des Falles sind gefüllt mit Informationen über den nicht immer leichten Ermittlungsalltag, über Diskussionen der Ermittler über den Fortgang der Ermittlungen, so dass es auch hier für mich spannend war, lauschen zu können. Wären die Ermittlungen drastischer verlaufen, wäre vielleicht vieles unlogisch und unrealistisch geworden. So hat die Autorin hier genau den richtigen Zeitplan entwickelt.

Sehr schnell bin ich mit den Teammitgliedern Eva Neuenhoeffer, Nora Wallner, Max Hansen, der wegen des Ausfalls von Karl Holtau, der in Elternzeit ist, wieder aus der Registratur nach "oben" geholt wurde, dem Leiter Martin Sauerwein und Evas Hackerfreundin Kristina Winter warm geworden. Auch der kurzzeitig Neue im Team Mike Rettberg gefällt mir als Typ (und auch als Mann für Eva) sehr gut und passt, wie ich finde optimal ins Team.

Beim Lesen der Einblicke in die Psyche der misshandelten Frauen habe ich manchmal mein Kopfkino ausgeschaltet, weil es mir einfach etwas zu brutal war. Für zartbesaitete Nerven ist dieser Fall nichts. Ich finde aber, man kann, nachdem man den Ausgang kennt, sehr gut über diesen Fall diskutieren. Darf es Selbstjustiz geben? Wie kann man den betroffenen Frauen besser helfen? Mitleid mit den Opfern oder den Tätern?

Aber auch der Lokalkolorit kommt wieder richtig gut raus. Zum einen durch Bilder der wunderschönen bayerischen Landschaft, die ich durch Evas und Noras Augen sehen darf und auch durch das bayerisches Genuschel von Nora, das sie wegen der Verdrahtung ihres Kiefers durch einen Bruch von sich gibt. Schee is fei scho do herunten in Bayern.

Durch das sympathische Ermittlerteam, einen Fall, der leider viel zu häufig vorkommt und in diesem Fall klasse gelöst wurde, Informationen aus dem Polizeialltag und emotionale Höhen und Tiefen, die ich hier durchlebt habe, wurde ich bestens unterhalten. Nun freue ich mich erst mal auf die ersten beiden Fälle und dann hoffe ich auf ein baldiges Wiederlesen.


Rößner, Susanne
Sparifankerl

emons Verlag, Köln
ISBN 9783954519644

bei Amazon kaufen

© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 8. Januar 2017

Ulrike Dömkes: Pub der toten Dichter

Der Weinjournalist Boris de Beers und seine Begleiterin die Gianna Lerouge verbringen einige Tage in dem kleinen Wellnesshotel Rose Hill Manor in Kent. Es ist eigentlich ein Weingut, bei dem als Nebenprodukt die Vinotherapie für die Wellness sorgt. Nach dem Abendessen, bei welchem sie ungewöhnlich lange auf das Essen warten mussten, erfahren Sie vom aufgeregten Inhaber Lord Astilon, dass sein Freund soeben einem Herzinfarkt auf der Massagepritsche erlegen ist. Dabei handelt es sich um den berühmten Fantasy-Schriftsteller Jeremiah Hell. Das ist mal wieder eine Abwechslung für das Feinschmeckerpärchen. Doch sehr schnell stellt sich heraus, dass es kein Herzinfarkt war, den der Schriftsteller dahinstreckte. Vielmehr handelte es sich um eine ein Kontaktgift, welches sich in der Traubenkernpaste befand, mit der er massiert worden war. Zwar wird die Neugierde bei Gianna und Boris geweckt, doch die Ermittlungen werden im folgenden hauptsächlich von der Polizei aufgenommen.

Ein sehr schön zu lesender Kriminalroman vor der Kulisse des malerischen Südenglands von Kent bis Cornwall. Ulrike Dömkes hat Attraktionen, Traditionen und Landschaften dieses Landstrichs so gut beschrieben, dass man sich sofort in eigenen Erlebnissen auf Reisen dorthin wiederfindet. Freunde des England-Tourismus werden ihre Freude an diesem Roman haben.

Die Kriminalhandlung gibt sehr viele Rätsel auf. Zwar glaubt man als Leser immer gut im bilde zu sein, wird dann aber doch mit seinen Vermutungen öfters in eine Sackgasse geführt. Dabei nimmt das Tempo zum Ende hin zu, als sich die Ereignisse zu überschlagen scheinen. Bis schließlich kurz vor Schluss der tatsächliche Täter präsentiert wird. In einigen zusammenfassenden Sätzen werden alle losen Enden zusammen geknotet und ergeben ein rundes Bild.

Schade fand ich, dass wohl die ursprüngliche Idee, die Ermittlungen durch Gianna und Boris durchführen zu lassen (siehe Klappentext), zugunsten zweier Polizisten verworfen wurde. Detektiv Chefinspektor Rail und Detective Sergeant Miller, ein Schelm wer dabei an die DCI Barnaby und DS Jones denkt, übernehmen die Ermittlungsarbeit. Sie erhalten gelegentlich kleine Hinweise von den Weinliebhabern. Doch auch diese beiden Ermittler können dem Leser ans Herz wachsen.

Angereichert mit einem kurzen Überblick über die Geschichte des Weinanbaus in England und mit den Rezepten der in der Handlung verspeisten Gerichte ergibt alles in allem einen angenehmen und spannenden Ratekrimi für traditionsbewusste England-Reisende, inklusive vier Leichen wie in einigen Staffeln von "Inspektor Barnaby" die Regel.

Dömkes, Ulrike
Pub der toten Dichter
KBV Verlag, Hillesheim
ISBN
9783954413188

bei Amazon kaufen

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 4. Januar 2017

Martin Zingsheim - Eltern haften an ihren Kindern

Ich hatte mal die Gelegenheit Martin Zingsheim mit seine Comedyshow "Heute ist morgen schon retro" zu sehen und war sehr gespannt auf dieses Buch. Nach dem Lesen bin ich sicher, auch mit diesem Programm "Eltern haften an ihren Kindern – Überleben mit Nachwuchs" könnte er auf Tour gehen. Auf dem Cover angekündigt: "Kein Ratgeber", habe ich mich mit großem Interesse auf die Lektüre gestürzt.

Witzig, mit einem Schuss Ironie und sehr humorvoll und lebendig darf ich den Autor bei seinem Blick auf die heutige Kindererziehung seiner drei Jungs begleiten. Es hat mir viel Spaß gemacht, zu lesen, wie er mit den Widrigkeiten und den Selbstverständlichkeiten der Erziehung umgeht. Der tägliche Wahnsinn im Leben mit drei kleinen Quälgeistern, die einen selten zur Ruhe kommen lassen, hat mich immer wieder schmunzeln und an meine eigene Zeit mit meinen Kindern denken lassen.

Aber es ist nicht nur witzig, die kleinen Anekdoten und Erlebnisse des Autors kommentiert zu lesen, sondern das Buch bietet auch immer wieder Anstöße zum Nachdenken. Denn trotz Helikoptereltern und Supermamis und -papas brauchen die Kleinen ihren Raum, wo sie sich entfalten und groß werden können. Und auch Mama und Papa brauchen hier und da ein ganz klein wenig Abstand und Zeit für sich selbst.

Das einzige, was mich hier und da etwas irritiert hat und ich die Sätze manchmal zweimal lesen musste um sie zu verstehen, sind Schachtelsätze, deren Sinn sich mir bei einmaligem Lesen nicht erschließen wollte.

Trotzdem: ein wunderbares Buch, nicht nur für Mama und Papas, Omas und Opas, sondern auch für junge Leute, die vielleicht selbst bald die Freuden des Elterndaseins erkunden wollen. Ich habe das Lesen sehr genossen.

Zingsheim, Martin
Eltern haften an ihren Kindern
Ullstein Verlag, Berlin
ISBN
978-3548376585

bei Amazon kaufen

© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 1. Januar 2017

C. R. Neilson: Das Walmesser

»Das Walmesser« des schottischen Schriftstellers C. R. Neilson würde ich zunächst als Roman, in zweiter Linie als Kriminalroman sehen. Doch im zunehmendem Verlauf der Handlung entwickelt er sich tatsächlich zu einem Thriller. Es ist ein besonderer Roman nicht nur wegen des ungewöhnlichen Handlungsortes, den Färöer-Inseln nördlich von Schottland. Dieser Landstrich, wo es in den Nächten kaum Dunkelheit gibt, ist vielen Menschen in unseren Regionen weitgehend unbekannt. Das nutzte der Autor genüsslich aus, um seinen Lesern dieses unwirtliche Land ausführlich vorzustellen. Nahezu jedes noch so winzige Detail oder Begebenheit im Tagesablauf der Inseln wurde mit passenden Worten, Metaphern und Vergleichen so bildreich erlebbar gemacht, dass es den Leser in eine Stimmung versetzt, die ihn mit guten Kenntnissen über die Inseln und für das Grauen der Handlung ausstattet. Ich persönlich wurde in meine Jugend versetzt und an einige Tage erinnert, in denen ich mich im Hafen der Hauptstadt Tórshavn Anfang der 1970er Jahre befand (Unser Schiff hatte Maschinenschaden und wir mussten auf das Einfliegen von Ersatzteilen warten.).

Der Ich-Erzähler John Callum, ein Schotte, erwacht. Ihm schmerzen alle Knochen und Muskeln, sein Kopf ist auf grauen Felsen gebettet. Mühsam erhebt er sich und begibt sich auf den Nachhauseweg, kann sich nicht daran erinnern, was passiert war, warum er auf dem Boden gelegen hatte. In seiner Hosentasche befindet sich ein Messer. Es ist ein typisches Messer, mit dem die Inselbewohner das Walfleisch zum Essen zerkleinern. Zufällig beim Griff in die Tasche schneidet sich Callum und stellt fest, dass sich am Messer Blut befindet, was nicht sein Blut sein kann. Er hat keine Ahnung, wo das Messer herkommt. Doch dann hört er von einem Toten auf der Insel.

Soweit das erste Kapitel des Romans. Anschließend geht es zeitlich drei Monate zurück und Callum erzählt uns, wie er auf den Färöer ankommt. Hier beginnt eine spannende Schilderung des Lebens auf den Färöer und ihrer kargen Landschaft, den wenigen Bäumen, dem ewig schlechten Wetter, den leeren Straßen. Einfach fantastisch. Hier ein Beispiel: »Der Sonnenstrahl schlich sich von links nach rechts, eine Provokation in Millimeterschritten. Auch wenn ich mir alle Mühe gab, ich konnte den Blick nicht davon losreißen, von dieser klar sichtbaren Quelle meiner Qual. Zwanghaft starrte ich auf den Gott verdammten Sonnenstrahl, auf das einzige, was ich auf keinen Fall sehen wollte. Ein nicht enden wollender, durchwachte Tag folgte dem anderen, und nicht nur der Schlafmangel quälte mich. Sondern auch das was mich erwartete, wenn das Einschlafen doch gelang.«

Allein schon wegen solcher Beschreibungen, wie in diesem Zitat die extrem kurzen zu Schlaflosigkeit führenden Nächte, ist der Roman empfehlenswert. Doch aus dem ersten Kapitel weiß der Leser schon, dass irgendwann ein Mord passiert sein muss. Einzelne Kapitel mit Albtraumsequenzen weisen zwischendurch immer wieder darauf hin, dass die Vergangenheit des Erzählers heftig gewesen sein muss und er einen mehr als triftigen Grund hat, seine Zelte auf den entlegensten Inseln der Welt aufzuschlagen.

Im Rahmen einer sehr spannenden fiktiven Handlung erzählt Neilson in atmosphärisch dichter Weise von der Rauheit und Kargheit der Landschaft, den Menschen und ihre Traditionen. Ein kriminelles Inselporträt auf höchstem Niveau. Roman und Handlung sind so angelegt, dass es wohl keine Fortsetzung geben wird. Schade, denn diese Figuren sind mir ans Herz gewachsen.


Neilson, C. R.
Das Walmesser

Aus dem Englischen von Ulrich Thiele
Heyne Verlag, München
ISBN 9783453419674

bei Amazon kaufen

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017